Kanzlerin Angela Merkel © Michaela Rehle/Reuters

Es ist ein kleines Wörtchen nur, aber eins, das die Fantasie sämtlicher Klimaschützer beflügelt: Dekarbonisierung. Vor wenigen Jahren noch stand der Begriff auf dem Index der hiesigen Politprominenz. Wolfgang Clement, seinerzeit Superminister, kämpfte vor rund einer Dekade gegen die "Dekarbonisierung der deutschen Energiewirtschaft", Seit an Seit mit den Granden der deutschen Industrie und gegen den grünen Umweltminister Jürgen Trittin. Dekarbonisierung, hieß es damals, das sei nur vergleichbar mit dem glücklicherweise nie verwirklichten Morgenthau-Plan und würde die Industrienation Deutschland Jahrzehnte zurückwerfen: auf den Status eines Agrarlandes. Ins Elend.

Und jetzt das: Auf Drängen der deutschen Bundeskanzlerin haben die im bayerischen Elmau versammelten Staats- und Regierungschefs der G-7-Staaten gerade die Erkenntnis zu Protokoll gegeben, dass halbwegs ambitionierter Klimaschutz "mit einer Dekarbonisierung der Weltwirtschaft im Laufe dieses Jahrhunderts" einhergehen muss. "Umbau der Energiewirtschaft", auch dieser Imperativ findet sich in der Elmauer Abschlusserklärung. Wenn man so will, hat Angela Merkel die Energiewende gerade exportiert. Zumindest mental.

Dekarbonisierung bedeutet im Kern den Verzicht auf Kohlenwasserstoffe, auf Kohle, Öl und Gas, ausgerechnet also auf jene Energieträger, die nicht nur rund vier Fünftel der weltweiten Versorgung ausmachen – sondern die obendrein in großem Umfang in G-7-Staaten gefördert werden: Deutschland selbst gehört immerhin zu den zehn größten Kohlenationen – und nirgendwo wird mehr Erdöl und Erdgas aus dem Erdboden gepumpt als im G-7-Land USA.

Damit müsste schon in absehbarer Zeit Schluss sein, soll das Elmauer Klimaschutz-Bekenntnis etwas wert sein. "Im Laufe des Jahrhunderts" klingt zwar so, als sei noch viel Zeit; wer das glaubt, erliegt jedoch einer Täuschung. Nicht nur, weil die Industrienationen sich längst sogar völkerrechtlich verpflichtet haben, beim Klimaschutz die Führung zu übernehmen.

Schon bei ihrem Treffen vor fünf Jahren im kanadischen Muskoka haben sie obendrein versprochen, sich dafür stark zu machen, die Treibhausgasemissionen der entwickelten Länder, also auch ihre eigenen, bis zum Jahr 2050 "um 80 Prozent oder mehr" zu vermindern, im Vergleich zu 1990. Soll aus der weltweiten Dekarbonisierung etwas werden, müssen die Reichen sich also schon in 35 Jahren von Kohle, Öl und Gas weitgehend verabschieden.

Wussten die G 7, was sie taten?

35 Jahre für den "Umbau der Energiewirtschaft", das ist fast nichts. Energiesysteme sind so träge wie nur wenig andere ökonomische Strukturen. Wussten die G 7, was sie taten, als sie sich auf ihr Versprechen zum Klimawandel einigten?

Was sie beschließen, ist zwar unverbindlich. Aber ihre schriftlich fixierten Absichtserklärungen können sie jederzeit einholen, wenn ihre Taten den Worten widersprechen. Also kommt es jetzt aufs Handeln an, zum Beispiel in Deutschland: Mineralöl ist hierzulande die mit Abstand wichtigste Energie. Mehr als die Hälfte davon wird im Straßenverkehr verbraucht, seit 20 Jahren ohne nennenswerten Rückgang. Dekarbonisierung? Fehlanzeige! Ähnlich sieht es beim Strom aus: 1990 wurden knapp 57 Prozent der deutschen Elektrizität aus Kohle erzeugt, 2014, fast ein Vierteljahrhundert später, waren es noch 43 Prozent. Geht es in diesem Tempo weiter, wird Deutschland sein Dekarbonisierungsziel weit verfehlen.

Zum zweiten Mal ist zudem vor Kurzem das Regierungsvorhaben gescheitert, die Gebäudesanierung steuerlich zu fördern. Das amtliche Ziel, "bis 2050 nahezu einen klimaneutralen Gebäudebestand zu haben", ist in weite Ferne gerückt – wenn die Regierung nicht endlich entschlossener und auch mit mehr Geld die Sanierungshemmnisse überwindet.

Dabei steht Deutschland im Vergleich zu anderen G-7-Staaten in puncto Energieeffizienz und grüner Energie nicht einmal schlecht da. Da zeigt aber nur, wie groß die Hürde ist, welche die alten Industrienationen jetzt nehmen müssen.

Wie ernst sie es meinen, zeigt sich Ende des Jahres bei der Weltklimakonferenz in Paris. Davor und danach wird es indes keine einzelne Stunde der Wahrheit mehr geben. Die Stunde der Wahrheit ist ab sofort: immer.