Was haben die Dauerretter der Griechen nicht alles für sich in Anspruch genommen. Sie seien die wahren Europäer, die den Laden zusammenhalten. Gehe Griechenland, dann sei das der Beginn vom europäischen Zerfall. Und wer nicht ihrer Meinung ist, den stellen sie in die nationale Ecke.

Diejenigen, die sich für die besseren Europäer halten, sollten mal innehalten. Sie haben Europa nicht etwa in seiner Einigkeit bewahrt, sondern der Gemeinschaft eine historische Zerreißprobe beschert. Der innereuropäische Konflikt war seit 50 Jahren nicht so hart wie heute. Den Griechen haben sie auf Dauer auch nicht weitergeholfen, weil ihnen innerhalb des Euro wahrscheinlich gar nicht zu helfen ist.

Warum das alles so schlimm ist? Weil die Länder im Euro die fünf Jahre Griechenlandrettung besser genutzt hätten, um die Geburtsfehler der Währungsunion zu heilen. Europa fehlt eine gemeinsame Politik für die Wirtschaft – von einer Insolvenzordnung für die Mitgliedsstaaten bis zu einer eng koordinierten Finanz- und Steuerpolitik, von einem Pakt für mehr Wettbewerbsfähigkeit bis zu Sozialstandards, die dafür sorgen, dass keiner hungert, aber auch niemand ohne Abschlag zu früh in Rente geht.

Machen wir uns nichts vor, sich darauf zu einigen ist so schwer, weil Länder wie Deutschland vor allem eine Leistungsunion wollen und Länder wie Italien besonders von einer Transferunion zu profitieren hoffen. Aber mit dem radikalisierten Griechenland ist es unmöglich, sich auf mehr Europa zu einigen. Kehrte Griechenland dem Euro jetzt den Rücken, dann könnte man auf zwei Effekte hoffen. Europa stünde unter einem Schock, der es vielleicht endlich zum Handeln treibt, und die Währungsunion wäre ohne das Land, das nie Mitglied hätte werden dürfen, weil es überfordert war, auch deutlich leichter zu einen.

Athen hat sich radikalisiert

Man dürfte den Grexit trotzdem nicht herbeiwünschen, wenn er den griechischen Bürgern auf Dauer schadete. Das ist aber, bei aller Unsicherheit in solchen Fragen, nicht zu erwarten. Die Abwertung würde den Druck auf die Löhne mindern, weil das Olivenöl im Ausland und der Urlaub in Griechenland mit einem Schlage billiger würden. Der große neue Schuldenschnitt, den sich Athen so sehr wünscht, er käme sofort, und statt der Troika mit den Laptops kämen die Nothelfer aus Brüssel mit Subventionskoffern. Hart würde es, keine Frage, aber nicht halb so aussichtslos, wie den meisten Griechen ihre Lage heute erscheint.

All das sollte diejenigen, die weiter retten und retten wollen, nachdenklich machen. Und doch beschwören sie unentwegt die nächste Rettung, fürchten, dass Europa sich entzweit und Griechenland sich radikalisiert. Dazu eine Nachricht: Beides hat längst stattgefunden. Was könnte unter den heutigen parlamentarischen Bedingungen in Athen radikaler sein als eine Koalition aus radikalen Linken und rechten Nationalisten.

Die Retter haben sich Alexis Tsipras und seine Regierung monatelang schöngeredet – und sind gescheitert. Hoffen wir, dass daraus am Ende etwas Produktives entsteht: ein Grexit mit positiven Langzeitfolgen für alle.

Kurz erklärt - Was bedeutet Grexit? Schon seit 2009 wird in Politik und Medien vom Grexit gesprochen – dem Austritt Griechenlands aus der Eurozone. Ein solches Szenario hat es noch nie gegeben – selbst Staatsrechtler sind sich über die juristischen Folgen eines Grexits uneinig.