Allmählich kommt auf Athens Straßen und in den Köpfen an, was in Brüssel nun wieder beschlossen werden soll. "Ich sehe keinen Unterschied zu der alten Regierung", schimpft eine ältere Dame an einem Gemüsestand im Stadtzentrum. Neben ihr steht der Verkäufer und starrt auf den Boden. "Es war doch klar", sagt die Frau, "dass Tsipras, dieser Bursche, auch nicht mehr rausholen kann. Ich jedenfalls habe ihn nicht gewählt." Der Gemüsehändler hält dagegen: "Klar, jetzt will es keiner gewesen sein. Was hätte er denn tun sollen? Sie erpressen uns." 

In Griechenland sind die Menschen seit dem Gipfelmontag damit beschäftigt, die neuen Sparmaßnahmen zu deuten und vor allem auszuloten, wer davon betroffen ist. "Es trifft jeden", sagt der Gemüsehändler, "wenn nicht über das Einkommen, das höher besteuert wird, dann eben über die Mehrwertsteuer. Das wird auch meinem Geschäft schaden." 

Schon am Dienstagabend ziehen die ersten ihre Schlüsse. Es formieren sich größere Demonstrationszüge in Richtung Parlament, alle mit der mehr oder minder selben Forderung: "Keine weiteren Kürzungen. Das Sparen muss ein Ende haben." Und dieses Mal sind es vor allem Sympathisanten von Ministerpräsident Alexis Tsipras, linke Gruppierungen, Gewerkschaften, Rentner, die erstmals seit der Wahl wieder auf die Straße gehen, um gegen ihre Regierung zu protestieren – und nicht mehr wie bisher für sie. 

Auch im Abgeordnetenbüro von Nikos Nikolopoulos sieht man nur in besorgte Gesichter. Der Politiker sitzt im Parlament für die Unabhängigen Griechen, dem rechtspopulistischen Koalitionspartner von Tsipras. "Es ist schrecklich", bricht es aus Nikolopoulos heraus. "Wir alle wollen in Europa leben, aber keiner von uns in der Hölle." Die verantwortlichen Staats- und Regierungschefs im Euroraum weigerten sich beharrlich anzuerkennen, dass es hier zunächst um ein politisches Problem gehe und dann erst um ein wirtschaftliches: "Jeder weiß, dass wir auch unter Aufbringung größter wirtschaftlicher Opfer diese untragbare Schuldenlast niemals werden begleichen können."

Und wieder die Entscheidung: Sparen oder nicht sparen?

Nikolopoulos hat in seinem politischen Leben so ziemlich alles versucht, um der Krise Herr zu werden. Jahrzehntelang war er Abgeordneter der konservativen Nea Dimokratia, verließ aber 2012 die Partei, weil er dem Sparprogramm nicht zustimmen wollte. Er gründete daraufhin die Christlich-Demokratische Partei Griechenlands, mit der er nun für die Unabhängigen Griechen erneut im Parlament sitzt und mit ihnen die Regierungsmehrheit stellt. Nun steht er wieder vor der Entscheidung: sparen oder nicht sparen? Ob er den Maßnahmen zustimmen wird, lässt er offen. 

Nikolopoulos macht auch Deutschland direkt für die Situation in seinem Land verantwortlich: "Diese Erpressung wird der europäischen Geschichte als Denkmal erhalten bleiben", sagt er. Er erinnert an den Schuldenverzicht Griechenlands gegenüber Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg und verlangt nun ähnliche Nachsicht: "Schon immer hat sich unermessliche Arroganz böse gerächt", sagt Nikolopoulos. Diese Politik widerspreche den Grundfesten der europäischen Idee.

"Dieselben Fehler wie in den Vorgängerregierungen"

Dieser Meinung kann sich der Soziologe Alexandros Kyrtsis nicht unbedingt anschließen. "Es geschehen dieselben Fehler, die auch die Vorgängerregierungen begangen haben", sagt der Professor von der Athener Kapodistria Universität. "Sie haben die Verantwortung auf äußere Faktoren übertragen, um nicht selbst Verantwortung zu übernehmen und Privilegien des eigenen Klientels zu beschneiden." Bei der Frühverrentung etwa habe es durchaus noch Spielraum gegeben. Das hätte die Einsparungen auf breiter Front geringer gehalten. 

Im Vergleich zum früheren Ministerpräsidenten Antonis Samaras sei die Regierung Tsipras den Geldgebern gegenüber wenigsten ehrlich: "Sie sagen, welche Maßnahmen sie auf keinen Fall durchsetzen wollen." Dann bleibe eben nicht mehr viel übrig. Samaras hingegen habe vielen Reformen vordergründig zugestimmt, die Umsetzung aber dann blockiert oder gar versucht, das Gegenteil politisch zu erreichen. "Das hat dem Vertrauensverhältnis zwischen den Geldgebern und der griechischen Politik schwer geschadet und die Institutionen nun dazu gebracht, umso beharrlicher auf ihre Ziele zu drängen", erklärt Kyrtsis.