Für Gerda Verburg ist es das Normalste von der Welt, Probleme gemeinschaftlich zu lösen. "Die Niederlande liegen bis zu sechs Meter tief unter dem Meeresspiegel", sagt deren Vertreterin bei der Welternährungsorganisation (FAO) in Rom. "Hätten meine Vorfahren nicht immer wieder an einem Strang gezogen, dann könnte dort heute niemand leben."

Diese Prägung könnte eine gute Voraussetzung sein für ihren aktuellen Job. Denn Verburg leitet ein Gremium, das wie kein anderes auf Zusammenarbeit angewiesen ist: das Welternährungskomitee der Vereinten Nationen, in dem die FAO, das UN-Welternährungsprogramm (WFP) und der Internationale Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung der UN (IFAD) zusammenarbeiten.

In diesem Committee on World Food Security sollen sich die Staaten trotz ihrer extrem unterschiedlichen Interessen auf gemeinsame Strategien einigen, wie man dem existenziellen Drama Hunger wirkungsvoller als bislang entgegentreten kann. Seit einigen Jahren gilt die ungewöhnliche Runde  als politischer Hoffnungsträger.

Knochentrocken UN-bürokratisch mögen ihre Beschlusstitel zwar klingen: "Globaler Rahmenplan für Nahrungsmittelsicherheit und Ernährung", oder "Leitlinien für die verantwortungsvolle Verwaltung von Boden- und Landnutzungsrechten, Fischgründen und Wäldern". Kompromisse zu schließen, erfordere außerdem "viel Vertrauensarbeit und Geduld", sagt Gerda Verburg. Doch manche Anforderungen haben es am Ende durchaus in sich.

Zum Beispiel werden alle Regierungen aufgefordert, nationale Strategien gegen den Hunger zu erarbeiten. Sie sollen aktiv Landgrabbing, Gewalt und Korruption verhindern, wenn Boden verpachtet oder verkauft wird, und dabei stets die Bevölkerung einbeziehen. Erstmals sollen auch die traditionellen Eigentumsformen indigener Völker respektiert werden. Von Menschen, die oft ausschließlich von dem leben, was sie in Wäldern, Sümpfen und Savannen erjagen oder sammeln können. Bauern, Landarbeiter und andere Gruppen, die am meisten von Hunger und Unterernährung betroffen sind, stehen im Zentrum der Beschlüsse.

Die Abkommen wären wohl nicht erzielt worden, hätten die Diplomaten in Rom nur untereinander verhandelt. Im CFS sitzen aber Vertreter von Unternehmensverbänden, indigenen Völkern, Nichtregierungs- und Wissenschaftsorganisationen oder Stiftungen mit am Tisch.

Zwar kann die Zivilgesellschaft am Ende nicht mit abstimmen. Ihre Vertreter haben aber jederzeit Rederecht und formulieren die Regeln mit, Wort für Wort. Mit so viel Beteiligung sei man "Vorreiter im UN-System", sagt Gerda Verburg, "und vielleicht auch für die künftige Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele", die im September auf einem UN-Gipfel in New York beschlossen werden sollen.

Politik und Wirklichkeit

Auslöser der demokratischen Öffnung war die Nahrungspreiskrise 2007/2008. Von Mexiko bis Indien gingen damals verzweifelte Menschen auf die Straße. Für die meisten Regierungen waren die Proteste wie aus heiterem Himmel gekommen. Unter diesem Schock wurde endgültig klar: Globale Ursachen wie Spekulation, Biosprit, Landgrab oder der Klimawandel waren allein national nicht lösbar. Und noch etwas: Offenbar musste die Politik näher ran an die Wirklichkeit.

Im September wollen die Vereinten Nationen neue Entwicklungsziele verabschieden. Sie sollen auch für die reichen Industriestaaten gelten, nicht nur für die Armen – ein Paradigmenwechsel. Wir stellen jede Woche ein Ziel vor. Ein Klick auf das Bild bringt Sie zur Übersicht.

Auch deshalb wurde das CFS bei einer Reform im Jahr 2009 aufgewertet und geöffnet. Und selbst wenn es laut Gerda Verburg "für manche Staatenvertreter nach wie vor undenkbar scheint, mit Nichtregierungsorganisationen in einem Raum zu verhandeln": Sie müssen sich heute den unangenehmen Fragen all jener stellen, die von ihren Entscheidungen betroffen sind.

"Nichts wird über uns entschieden ohne unsere Beteiligung": das sei jetzt der Anspruch, sagt Martin Wolpold-Bosien, einer der Koordinatoren für mehrere Hundert soziale Gruppen und Nichtregierungsorganisationen im CFS. Am Beispiel des Rechts auf Nahrung wollen sie zeigen, "wie man die Einhaltung sozialer und wirtschaftlicher Menschenrechte in Gesetzgebung und Praxis gewährleisten kann".

Nur zweimal weigerten sich die NGOs

Natürlich würden im CFS heftige Konflikte ausgetragen, sagt Wolpold-Bosien. Besonders große Agrarexporteure wie Russland, Australien oder Kanada bremsten beispielsweise, wenn weiterreichende Rechenschaftspflichten für Staaten und Unternehmen gefordert würden. Doch bislang habe die Zivilgesellschaft ihre Unterstützung am Ende nur zweimal verweigert: bei den Beschlüssen zu Agrosprit und Agrarinvestitionen. Alles andere tragen die NGOs mit. Insgesamt zeigt sich Wolpold-Bosien zufrieden: "Wichtige Anliegen der bäuerlichen Landwirtschaft, der Nomaden- und Kleinfischerverbände, Landfrauen- und Landarbeiterorganisationen wurden gehört."

Ob ihr Einfluss die Praxis der Hungerbekämpfung tatsächlich verändert? Um das zu beurteilen, sei es noch früh, meint Gerda Verburg, "das sind langfristige Prozesse".

Aber positive Wirkungen sieht die Diplomatin schon: Allein zu den Landrechten habe das CFS in 26 Nationen Informationsseminare veranstaltet, sagt sie. Einige Unternehmen hätten sich CFS-konforme Investitionsregeln gegeben, und das winzige Team der Geschäftsstelle in Rom werde mit Beratungsanfragen überhäuft. Seit Kurzen stehe man zum Beispiel mit der äthiopischen Regierung im Dialog. Deren einladende Investitionspolitik im Agrarsektor hat für heftige Kontroversen gesorgt.

Trotzdem: Die vom CFS beschlossenen Leitlinien sind nur freiwillig. Ist das nicht zahnlos? Darauf antwortet Gerda Verburg nun wieder ganz niederländisch: "Nichts ist so verbindlich wie ein Konsens, der in einem so breiten Kreis ausgehandelt wurde."