Eine Solaranlage in Les Mées im Süden Frankreichs © Jean-Paul Pelissier/Reuters

Das Wort Dekarbonisierung hatten bislang wohl die wenigsten Menschen in ihrem aktiven Wortschatz. Das soll sich ändern: Im Laufe des Jahrhunderts – also spätestens bis zum Jahr 2100 – wollen die wichtigsten Industrienationen eine kohlenstoffarme Weltwirtschaft schaffen, um so die schlimmsten Folgen des Klimawandels zu verhindern.

Aber wie würde eine solche Welt aussehen? Natürlich ist es vermessen, technische Entwicklungen auf 80 Jahre vorauszusagen. Im Jahr 1930 hat beispielsweise niemand die Existenz eines Smartphones für möglich gehalten. Aber einige grundsätzliche Entwicklungen lassen sich schon heute abschätzen. ZEIT ONLINE stellt die wichtigsten vor:

Strom:

Erneuerbare Energie, die Verpressung von Kohlendioxid in den Untergrund (CCS) und Atomstrom: Das sind die drei klassischen Optionen, wenn unser aktuelles Stromsystem auf so wenig CO2-Emissionen wie möglich umgestellt werden soll. "Der Umbau von fossil zu Erneuerbaren ist nicht erst bis zum Jahr 2100, sondern in Ländern wie Deutschland wahrscheinlich schon bis 2050 oder 2060 machbar", sagt Manfred Fischedick vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie.

Die Alternativen CCS und Atomstrom halten indes viele Fachleute für zu teuer. Kohlekraftwerke, in denen CO2 abgeschieden wird und unter Tage verpresst wird, kosten extrem viel. Ähnlich die Atomkraft: Bislang wurde noch kein Kernkraftwerk ohne staatliche Zuschüsse gebaut. Außerdem fehlt es in Deutschland zunehmend an Expertise, weil immer weniger junge Menschen in die Branche einsteigen.

Aber welcher Ökostrom setzt sich durch?

Solarstrom:

Dass wir unseren Solarstrom im Jahr 2100 von einem Solargürtel auf dem Mond erhalten, wie es ein japanischer Baukonzern einst geplant hat, ist unrealistisch. Aber in der Solartechnologie steckt noch sehr viel Potenzial. Im Labor stellen Wissenschaftler immer neue Rekorde auf. Solarzellen erzielen dort eine vergleichsweise hohe Ausbeute, wandeln teilweise mehr als 40 Prozent der Sonnenenergie in Elektrizität um. Zum Vergleich: Die Standardzellen auf dem Hausdach kommen bislang nur auf etwas mehr als 20 Prozent. Mit technischem Fortschritt werden Solarzellen auch immer günstiger, in sonnigen Regionen ist Solarstrom schon jetzt billiger zu produzieren als Strom aus Kohle oder Gas.

Glaubt man Szenarien von Greenpeace, dann könnte sich eine sparsame Familie mit einem Verbrauch von 2.000 Kilowattstunden Strom pro Jahr bald mit einer Solarzelle selbst versorgen, die knapp so groß ist wie eine Doppelflügeltür. "Solarzellen werden signifikant weniger Fläche brauchen und sind im Vergleich zu Windrädern technisch weniger anfällig", sagt Greenpeace-Experte Sven Teske. Auch in Sachen Speicherung ist vieles in Bewegung. So setzt gerade Tesla die Branche mit seiner Fabrik für eine Superbatterie enorm unter Innovationsdruck.

Nur: Der privat erzeugte Solarstrom gefährdet das klassische Geschäftsmodell der Energieversorger. Wenn immer mehr Eigenheimbesitzer selbst Solarstrom erzeugen und speichern können, warum sollten sie dann noch einen Vertrag mit einem Stromkonzern abschließen? Teske geht davon aus, dass es keine 20 Jahre mehr dauern wird, bis Unternehmen wie RWE und E.on in ihrer jetzigen Form verschwunden sind.