ZEIT ONLINE: Syrien und Libyen zerfallen, die IS-Kämpfer bedrohen Irak, Boko Haram versetzen ganz Westafrika in Schrecken: Sind solche Konflikte auch Folge einer gescheiterten globalen Entwicklungspolitik?

Thomas Pogge: Ich sehe zwei ursächliche Zusammenhänge: Fehlende Entwicklung löst Unzufriedenheit aus, die ein Nährboden für Gewalt sein kann. Und gewaltsame Konflikte lenken die Aufmerksamkeit der Politiker von Entwicklungsfragen ab, sodass noch weniger passiert als sonst. Das ist ein Teufelskreis.

ZEIT ONLINE: In den neuen Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen kommen diese Konfliktherde aber so gut wie nicht vor.

Pogge: Natürlich müssten sie dort stärker thematisiert werden! Zum Beispiel bei den Waffenlieferungen: Nur ein einziges Mal, in Ziel 16, werden die kurz erwähnt, wenn gesagt wird, dass illegale Finanz- und Waffengeschäfte eingedämmt werden müssen. Aber wer soll genau was dafür tun? Darauf gibt es keine Antwort.

ZEIT ONLINE: Waren die Millenniumsentwicklungsziele zur Armutsbekämpfung, die ja in diesem Jahr auslaufen, in Ihren Augen ein Erfolg?

Thomas Pogge: Sie haben Entwicklungsfragen auf der politischen Agenda weltweit nach oben rücken lassen. Aber "die größte Anstrengung, die die Menschheit je unternommen hat", wie es immer wieder heißt, waren sie sicher nicht. Angestrengt hat sich da niemand. Viele Erfolge sind auf kosmetische Mathematik zurückzuführen. Immer wieder wurden die Maßstäbe verändert, mit denen man Fortschritte gemessen hat, um die Ergebnisse schönzufärben.

ZEIT ONLINE: Wo zum Beispiel?

Pogge: Oh, es gibt viele Beispiele! Das erschütterndste ist der Hunger. Auf dem Welternährungsgipfel 1996 wollten die Regierungen die Anzahl der hungrigen Menschen noch bis zum Jahr 2015 halbieren. Auf dem Millenniumsgipfel 2000 sollte nur noch ihr Anteil an der Weltbevölkerung halbiert werden, später wurde auch noch das Basisjahr von 2000 auf 1990 vorverlegt. 2012 hat die FAO dann auch noch die Methode geändert, wie die Zahl der Hungrigen berechnet wird. Mit all diesen Tricks gelang es, einen stetig anwachsenden Trend in einen stetig abfallenden zu verwandeln.

ZEIT ONLINE: Aber die Zahl der Armen ist gesunken.

Pogge: Das ist sie – durch das globale Wirtschaftswachstum. Die Armen profitieren davon, dass das Durchschnittseinkommen der Menschheit anwächst. Sie  würden noch mehr profitieren, wenn sie an diesem Wachstum proportional beteiligt würden. In Wirklichkeit jedoch ist der Anteil der ärmeren Hälfte der Menschheit am globalen Haushaltseinkommen geschrumpft, auf circa vier Prozent.

ZEIT ONLINE: Im Vorschlag für die neuen Nachhaltigkeitsziele wird ausdrücklich gefordert, Ungleichheit aufzuheben, in und zwischen den Staaten. Das könnte doch helfen, mehr Verteilungsgerechtigkeit durchzusetzen?

Pogge: Das Thema Ungleichheit musste in New York in einer langen Nachtsitzung zäh verteidigt werden; ich war seinerzeit als Vertreter einer Nichtregierungsorganisation dabei. Wie ernst solche Ziele gemeint sind, das kann man an ihnen selbst noch nicht ablesen. Sie klingen ambitioniert. Aber wenn man auf die Unterziele schaut, dann wird es oft schwammig, ja mickrig.

ZEIT ONLINE: Wo ist das so?

Im September wollen die Vereinten Nationen neue Entwicklungsziele verabschieden. Sie sollen auch für die reichen Industriestaaten gelten, nicht nur für die Armen – ein Paradigmenwechsel. Wir stellen jede Woche ein Ziel vor. Ein Klick auf das Bild bringt Sie zur Übersicht.

Pogge: Das erste Unterziel zur Ungleichheit zum Beispiel fordert, dass sie bis 2030 angefangen haben soll, sich zu verringern. Das kann man so deuten, dass sie die nächsten 14 Jahre lang noch weiterhin kräftig ansteigen darf! Und man sieht es auch schon bei Ziel Nummer Eins. "Die Armut überall in all ihren Formen zu beenden": das könnte gar nicht schöner und ehrgeiziger formuliert sein. Aber wie kann man dann in den Unterzielen als Armutsgrenze wieder die alten 1,25 Dollar pro Tag zugrunde legen? 1,25 Dollar zum Leben, für Essen, Trinken, Wohnung, Heizung, Gesundheit: Das ist absurd.

ZEIT ONLINE: Die neuen Ziele sollen soziale, wirtschaftliche und ökologische Herausforderungen gleichermaßen auf die Agenda bringen. Viele Entwicklungspolitiker beklagen, die Armutsbekämpfung komme da zu kurz.

Pogge: Das kann ich nicht erkennen. Eher sind umgekehrt die ökologischen Ansprüche marginalisiert. Auch sie sind vage formuliert.

ZEIT ONLINE: Immerhin sollen die neuen Ziele nicht mehr nur für Entwicklungsländer gelten, sondern für alle Staaten. Ist diese Universalität ein Fortschritt?

Pogge: Das ist sie sicher, aber je nach Ziel muss man da auch aufpassen. Bei der Ungleichheit zum Beispiel ist das klar: ob USA, Südafrika oder Indien, jedes Land soll daran arbeiten, sie zu verringern. Bei der Mütter- oder Kindersterblichkeit hingegen ist die Aufgabe für die ärmsten Staaten doch ungleich schwieriger und größer. Es müsste festgeschrieben sein, dass die Umsetzung nicht den Entwicklungsländern allein aufgebürdet wird, sondern dass wir das alle zusammen machen müssen. Das ist das zentrale Problem der neuen Ziele: Die Verantwortung für ihre Verwirklichung ist nicht klar verteilt.

ZEIT ONLINE: Regierungen haben sie verhandelt. Dann tragen sie doch auch die Verantwortung?