In einer Athener Seitenstraße wendet sich eine blonde Frau mittleren Alters von einem Geldautomaten der Alpha Bank ab. "Endlich habe ich etwas bekommen", sagt Chrissa, die ihren Nachnamen nicht nennen will. Sie habe mehrere Geräte in der Umgebung ausprobiert und jetzt auch nur 50 Euro erhalten. 20- und 10-Euro-Noten werfen die Automaten kaum mehr aus. Darum müssen die Kunden täglich mit noch weniger auskommen, als ihnen eigentlich zugesichert wurde. Das Limit im Rahmen der Kapitalverkehrskontrollen liegt bei 60 Euro.

Schon mehr als eine Woche sind in Griechenland die Banken geschlossen. Geld lässt sich nur am Automaten abheben, längere Schlangen gehören inzwischen zum Alltagsbild in den Städten. Doch selbst an den Geräten geht das Geld aus.

Die Regierung hat den Griechen zwar versprochen, dass die Banken am Donnerstag wieder öffnen, doch das hält der Finanzfachmann Hans-Peter Burghof für unrealistisch. Ohne Kapital bräuchten die Banken ihre heruntergelassenen Rollos erst gar nicht wieder hochzukurbeln, sagt Burghof. Und an Kapital kämen Griechenlands Banken nur noch über zwei Wege: "Entweder die EZB verleiht neue Kredite – damit nähme sie sich jedoch ihre Legitimation, denn sie müsste gegen ihre eigenen Verträge verstoßen – oder die griechische Regierung ruft den Staatsnotstand aus und druckt selbst Geld", erläutert der Bankenexperte. "Beide Optionen würden dem Euro massiv schaden und sind im Grunde illegal."

Zweifel an Wiedereröffnung

Das Dekret, das die Einschränkungen für den Kapitalverkehr verordnete, läuft am Mittwochabend aus. Eine Nachfolgeregelung solle im Lauf des Tages beschlossen werden, sagte der stellvertretende Finanzminister, Dimitris Mardas, dem griechischen Staatssender ERT. "Das Ziel ist, schrittweise alle Banken wieder zu öffnen, sodass die Lage sich normalisiert", sagte Mardas. Einen Zeitplan dafür nannte er nicht. Dass es zu der ursprünglich für Donnerstag geplanten Wiedereröffnung kommt, wird auch in Griechenland bezweifelt. "Ohne neue Verhandlungen zwischen den Regierungsvertretern und der EZB können die griechischen Banken gar nicht mehr öffnen", sagt der Wirtschaftswissenschaftler Panagiotis Petrakis. "Die Banken haben de facto kein Geld mehr, und selbst wenn sie trotzdem öffnen, hat die griechische Regierung weiterhin das Problem, dass so nur mehr Geld aus dem System genommen wird. Aus Angst davor hat sie ja Kapitalverkehrskontrollen eingeführt."

Dass diese ein notwendiges Mittel sind, um dem massiven Kapitalabfluss Herr zu werden, zeigen aktuelle Zahlen des griechischen Center for Social and Economic Research (CASE). Demnach wurden seit der Verkündung des Referendums 60.000 neue Konten griechischer Bürger in Bulgarien eröffnet.

Burghof kritisiert die griechische Regierung für die aus seiner Sicht viel zu spät eingeführten Kapitalverkehrskontrollen. "Wenn die sozialistische Regierung unter Alexis Tsipras wirklich ein Interesse am kleinen Mann hätte, wären die Kontrollen schon viel früher eingeführt worden", sagt der Bankenprofessor von der Universität Hohenheim. "Nur so hätte man Arbeitsplätze und Einkommen schützen können. Stattdessen werden Vermögen geschützt." Darin, dass die Regierung nicht früher eingeschritten ist, sieht Burghof ein Zeichen für deren Klientelpolitik: Die richte sich vor allem an Angestellte aus der Verwaltung.

Angst um die Rücklagen im Schließfach

Was dieses Versäumnis für den griechischen Alltag bedeutet, beschreibt Chrissa: "Ich habe nur noch 140 Euro zu Hause, das ist alles. Mein Kühlschrank ist leer, ich kaufe jeden Tag nur das Nötigste zum Essen ein." Vorigen Monat habe sie zwar noch ihr Gehalt als Angestellte in einem Hotel erhalten – was diesen Monat geschieht, wisse keiner. "Nicht einmal mein Chef", sagt sie. Chrissa sorgt sich auch um ihre kleinen Rücklagen, die sie bei ihrer Hausbank in einem Schließfach aufbewahre. Darunter Verträge über ein geerbtes Stück Land in der Provinz und eine Notreserve an Bargeld.

In der griechischen Presse wird seit Tagen wild darüber spekuliert, dass selbst kleine Guthaben aus Schließfächern beschnitten werden könnten, sollte es zu einer Abwicklung und Zusammenlegung einzelner Banken kommen. "In der Woche vor der Bankenschließung hat mein Berater mich noch eindringlich gefragt, ob ich nicht noch an mein Schließfach wollte", berichtet Chrissa. "Und ich Idiotin habe nicht verstanden, warum."