ZEIT ONLINE: Seit der Reaktorkatastrophe von Fukushima und der danach in Deutschland ausgerufenen Energiewende sind hierzulande neun Atomkraftwerke endgültig stillgelegt worden. Herr Untersteller, wie sicher ist Deutschlands Stromversorgung noch?

Franz Untersteller: Sie ist so zuverlässig wie in kaum einem anderen Land der Erde. Wir exportieren sogar mehr Strom als wir importieren. Und ich rechne in diesem Jahr mit einem neuen Rekord beim Exportüberschuss.

ZEIT ONLINE: Um die Versorgung auch in Zukunft zu sichern hat Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel vor Kurzem angekündigt, den Strommarkt zu reformieren. Er soll wachsende Anteile fluktuierender Stromerzeugung aus Sonne und Wind ermöglichen – ohne dass es zu Blackouts kommt, wenn der grüne Strom wetterbedingt mal ausbleibt. Sind Sie mit den Weichenstellungen einverstanden?

Untersteller: Bin ich nicht. Ich habe da einige Fragezeichen. Vor allem im süddeutschen Raum wird Strom in der ersten Hälfte der 2020er Jahre knapp...

ZEIT ONLINE: ...weil dann die letzten Kernkraftwerke abgeschaltet werden?

Untersteller: Auch deswegen. In Bayern und in Baden-Württemberg gehen in den kommenden Jahren Atommeiler mit einer Leistung von 8.400 Megawatt vom Netz. Hinzu kommen konventionelle Kraftwerke, die aus Altersgründen, wegen fehlender Wirtschaftlichkeit oder aus genehmigungsrechtlichen Gründen wahrscheinlich stillgelegt werden. Und ich halte es für unwahrscheinlich, dass bis 2022 die geplanten Stromautobahnen schon komplett fertig sind, dass also dann schon ausreichend Windstrom aus Norddeutschland in den Süden gelangt. Deshalb frage ich mich, ob die von Gabriel geplante Strommarktreform wirklich ausreichende Investitionsanreize setzen kann, damit uns in Zukunft die notwendigen flexiblen Kapazitäten zur Verfügung stehen werden und wir unser hohes Niveau an Versorgungssicherheit halten können.

ZEIT ONLINE: Solange der Stromtransport von Nord nach Süd nicht klappt und solange regenerativ erzeugter Strom nicht ausreichend und kostengünstig gespeichert werden kann sind Kraftwerke nötig, die nach Bedarf an- und wieder abgeschaltet werden können...

Untersteller: ...und die Frage ist: Was sollte Investoren veranlassen, diese Kraftwerke zu bauen?

ZEIT ONLINE: Laut Bundeswirtschaftsminister das Gewinnstreben. Seinem Konzept zufolge wird der Investitionsanreiz von den extrem hohen Preisen ausgehen, die sich dann an der Strombörse erzielen lassen, wenn die Sonne nicht scheint und der Wind mal nicht weht. Was haben Sie gegen dieses marktwirtschaftliche Konzept?

Untersteller: Was Gabriel plant, ist in Wirklichkeit eine Privatisierung der Versorgungssicherheit. Nach geltendem Recht ist die Sicherheit der Stromversorgung ein öffentliches Gut, die Betreiber der Stromnetze sind dafür verantwortlich, dass der Strom zuverlässig aus der Steckdose kommt. Damit sind wir in Deutschland gut gefahren. Es macht für mich keinen Sinn, jetzt die Versorgungssicherheit zu privatisieren.

ZEIT ONLINE: Warum?

Untersteller: Weil doch tatsächlich davon auszugehen ist, dass potenzielle Investoren eher zurückhaltend auf gelegentliche Strompreisspitzen reagieren. Der Bau eines Kraftwerks muss sich über viele Jahre refinanzieren, Investoren müssen also davon ausgehen können, dass sie über einen längeren Zeitraum hinweg im Durchschnitt Preise erzielen, die die Refinanzierung ihrer Investition gewährleisten. Reden Sie mal mit Managern aus der Energiewirtschaft. Viele von denen sagen, dass sie vor einigen Jahren Investitionsentscheidungen getroffen haben, die sie heute wegen des gesunkenen Preisniveaus an der Strombörse nicht mehr treffen würden. Das lässt nichts Gutes erwarten.