Aristidis Kokkineas schläft im ehemaligen Athener Flughafen Hellenikon, zwischen verrosteten Flugzeughangars und seit 14 Jahren leerstehenden Terminals. Der 49-Jährige hat derzeit keine Wohnung, keine Arbeit, fast kein Geld. Und er ist einer von etwa drei Millionen von den gut zehn Millionen Einwohnern Griechenlands, die keine Krankenversicherung haben. Man könnte sagen, er ist in mehrfacher Hinsicht ein Opfer dieser Wirtschaftskrise. Kokkineas sagt jedoch: Außer den sieben Zähnen, die er noch im Mund hat, kann er nicht mehr viel verlieren.

Das klingt zynisch, passt aber zum Schwebezustand, in dem ganz Griechenland seit Wochen gefangen ist – eine Art wirtschaftliches Wachkoma. Mit jedem Tag, an dem die Banken geschlossen bleiben, wird das Leben in Griechenland schwieriger, die Menschen verzweifeln jedoch nicht. Viele Geldautomaten, wenn sie denn überhaupt noch funktionieren, geben nicht einmal mehr den festgelegten Höchstbetrag von 60 Euro aus, weil nur noch 50-Euro-Scheine vorhanden sind.

Nicht nur die Banken haben Probleme: Mehrere große Fluggesellschaften haben ihre griechischen Agenturen angewiesen, keine Tickets mehr auszustellen. Sie befürchten, dass sie nicht mehr bezahlt werden können. Darunter Emirates, Virgin, Turkish Airlines, Qatar und Quantas. In Nordgriechenland nehmen viele Restaurants und Hoteliers seit Tagen neben Dollar und Pfund auch türkische Lira und bulgarische Lew an. Die Lebensmittelversorgung ist noch gesichert, aber besonders dramatisch ist die Situation im Gesundheitssektor. Die staatlichen Krankenhäuser sind den Pharmaunternehmen mittlerweile mehr als 1,5 Milliarden Euro schuldig.

"Das gesamte öffentliche Gesundheitssystem ist seit 2009 um fast 50 Prozent geschrumpft", sagt Christos Sideris von der Metropolitan Gemeinschaftsklinik. Selbst für Menschen mit Krankenversicherung sei die ärztliche Versorgung schwierig. Das größere Problem seien jedoch jene, die gar keine Krankenversicherung haben, so wie Aristidis Kokkineas.

In der Metropolitan Gemeinschaftsklinik kümmern sich Freiwillige um diese Menschen. Etwa 300 Ärzte und Krankenschwestern arbeiten ehrenamtlich in der Klinik in ehemaligen Verwaltungsgebäuden des Flughafens. Im Krankenhaus gibt es drei Regeln: Kein Spender von Medikamenten oder medizinischen Geräten darf für sich oder sein Unternehmen werben. Politische Parteien haben keinen Zugang. Und die Patienten müssen nichts zahlen.

Das Wartezimmer ist ständig voll. Aristidis Kokkineas, dem ein Zahn gezogen werden muss, kann vermutlich erst im September behandelt werden. Im Vergleich zu deutschen Arztpraxen oder Krankenhäusern ist die Situation in der Gemeinschaftsklinik beunruhigend; im Vergleich zu staatlichen griechischen Krankenhäusern ist sie ein Hoffnungsschimmer. "Ohne uns wäre die Versorgung in diesem Teil Athens bereits zusammengebrochen", sagt Sideris.

Der Mitgründer der Klinik steht vor einem Aktenordner, in dem so viele Papiere stecken, dass sich der Deckel nicht mehr schließen lässt. Hinter ihm ein Regal voller Babynahrung, vor ihm ein Schrank gefüllt mit Mullbinden und Verbandsmaterial. Im Ordner hat Sideris dokumentiert, wie oft die Metropolitan Gemeinschaftsklinik staatlichen Krankenhäusern mit Medikamenten ausgehoffen hat. "Die kommen mit leeren Krankenwagen hier vorgefahren und fahren gefüllt mit Spenden von unseren Unterstützern wieder zurück", sagt er.