Eine Frau in Athen hebt Geld von ihrem Konto ab. © Marko Djurica/Reuters

Dies ist nicht das Ende Europas. Dies ist auch nicht das Ende des Euro. Das laute, überwältigend klare Nein der griechischen Bürger im Referendum am Sonntag muss nicht einmal das Ende des Euro in Griechenland bedeuten. Ein Grexit ist nicht unausweichlich. Es ist immer noch denkbar, dass am Ende dieses jahrelangen Ringens um Athens Staatsschulden eine Lösung steht, die für beide Seiten erträglich ist, und Griechenland nicht zurück in die Drachme treibt. Aber eine solche Lösung ist nach dem Volksentscheid noch wesentlich schwieriger geworden, und es wird alle Staatskunst Europas brauchen, jetzt einen haltbaren Kompromiss zu finden.

Die nächsten Stunden und Tage könnten bereits darüber entscheiden, ob ein solcher Kompromiss zustande kommt, und wie er aussehen wird. Aber ehe man sich sogleich wieder hineinbegibt in das Dickicht der Szenarien und Strategien, muss man einen Moment innehalten. Denn das, was an diesem ruhigen, sonnigen 5. Juli 2015 in Athen und in ganz Griechenland geschehen ist, ist zu groß, zu einschneidend, zu unerhört, als dass man sofort wieder zur europäischen Aushandlungsroutine zurückkehren könnte. Vielleicht geht das auch gar nicht mehr.

Fast zwei Drittel der griechischen Wähler haben sich gegen die Reformpläne und Sparauflagen der Eurogruppe entschieden. In praktisch allen Wahlkreisen des Landes gab es Mehrheiten für das Oxi, das historisch hochaufgeladene Nein, für das die Regierung Tsipras geworben hatte, und das trotz Kapitalverkehrskontrollen, rationierten Bargelds aus den Automaten und massiven ökonomischen Drucks aus Brüssel und Frankfurt, den manche angelsächsischen Kommentatoren mit einem "fiskalischen Flächenbombardement" verglichen hatten.

Erleichterung nach Jahren der Entbehrung

Offenbar haben die Menschen in Griechenland das Referendum, das ihr Ministerpräsident kühn und verzweifelt wie ein Hasardeur angesetzt hat, als einen Moment der Selbstermächtigung erlebt, als demokratische Erleichterung nach Jahren der Entbehrung und Rezession. Wer gesehen hat, wie strahlend die Massen auf dem Syntagma-Platz vor dem griechischen Parlament gefeiert haben, kaum dass die ersten Hochrechnungen bekannt wurden, lässig und friedlich, ganz ohne Bitterkeit oder Triumphalismus, der wird diese Sommernacht nicht so leicht vergessen. Und jedenfalls für den Augenblick die Frage unterdrücken, was die Bürger denn da eigentlich bejubelt haben. Wahrscheinlich doch den Anbruch noch härterer Zeiten.

Das Ergebnis des Referendums ist ein spektakulärer Sieg für Ministerpräsident Alexis Tsipras und seine linkspopulistische Syriza-Bewegung. Und es ist eine dramatische Niederlage für die politische Elite Europas, von Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker bis hin zu Kanzlerin Angela Merkel, die sich allesamt vehement für ein Ja eingesetzt hatten (wie übrigens auch die ZEIT). Es ist unweigerlich, dies anzuerkennen, und es ist kaum vorstellbar, dass das Votum der Griechen ohne Folgen bleiben sollte. Natürlich ist es ausgeschlossen, dass die Europartner nun ihre Forderungen völlig aufgeben, schließlich haben am Sonntag nur zehn von fünfhundert Millionen Europäern abgestimmt, ihr Wille kann nicht allein entscheidend sein. Aber diesen Willen völlig zu ignorieren, hieße, die demokratischen Ideale Europas zu ignorieren.

Ein Grexit löst die Probleme nicht

Klar ist es jetzt verlockend, dem ersten Impuls nachzugeben, den Griechen "Dann verzieht Euch halt!" zuzurufen und den Grexit zu organisieren. Die drastischen Worte von Vizekanzler Sigmar Gabriel deuten in diese Richtung. Aber es ist eine Illusion, zu glauben, damit gehe die Krise zu Ende. Sie würde sich allenfalls verlagern, aus der Zuständigkeit der Eurozone nämlich in die Zuständigkeit der EU. Je tiefer Griechenland in die Rezession rutscht, je härter die Krise dort die Menschen trifft, desto schwächer wird die Legitimation der anderen Europäer, einfach nur zuzusehen und auf die Rückzahlung von Schulden zu beharren.

Es ist nicht leicht, sich auszumalen, wie jetzt noch ein Kompromiss aussehen könnte, und wie er unter dem enormen Druck einer endgültig drohenden Staatspleite ausgehandelt werden kann. Schon bis Ende der Woche sind wieder gewaltige Zahlungen der Griechen fällig. Und es stimmt leider auch, dass noch fast alle optimistischen Szenarien in den letzten zehn, 14 Tagen gescheitert sind, wodurch das Vertrauen zur Regierung in Athen so ziemlich rückstandslos aufgelöst wurde. Aber es stimmt eben auch, dass dieses fragile, seltsame, immerzu krisengeschüttelte Europa überhaupt nur existiert, weil immer wieder Kompromisse gesucht wurden. Und weil sie dann auch gefunden wurden.

Niemand weiß, ob das auch diesmal gelingt. Ob es überhaupt gelingen kann. Vielleicht waren die Aussichten dafür noch nie so schlecht. Aber was auch passiert: Die Probleme der Griechen bleiben auch unsere. Mit Euro. Und ohne auch. 

Kurz erklärt - Was bedeutet Grexit? Schon seit 2009 wird in Politik und Medien vom Grexit gesprochen – dem Austritt Griechenlands aus der Eurozone. Ein solches Szenario hat es noch nie gegeben – selbst Staatsrechtler sind sich über die juristischen Folgen eines Grexits uneinig.