Nach Griechenland ist alles anders. Die britische Linke beobachtete gebannt, was die Staatschefs der Euroländer den Griechen in der Nacht vom 12. auf den 13. Juli in harten Verhandlungen aufs Auge drückte, und war entsetzt. "Die Linke muss Großbritanniens EU-Austritt auf die Tagesordnung setzen", schrieb Owen Jones am 14. Juli im Guardian. Owen Jones ist einer der prominentesten linken Journalisten und Buchautoren in Großbritannien. Zuletzt veröffentlichte er eine beißende Kritik des Oberschichts-Establishments und wie sie das Land in allen Bereichen beherrsche.

Einst sahen britische Linke, die sich gerne auch die Progressiven nennen, die EU als ihren Verbündeten im Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit. Es war der Kommissionspräsident Jacques Delors, der im September 1988 in einer Rede auf dem Kongress der britischen Gewerkschaften den Arbeitervertretern erklärte, die EU stünde ihnen zur Seite im Kampf gegen Margaret Thatchers Versuch, Rechte für Arbeiter immer weiter zu beschneiden. Die Premierministerin hatte kurz zuvor gewettert: "Wir haben nicht die Grenzen des Staates in Großbritannien erfolgreich zurückgefahren, nur um sie dann auf europäischer Ebene wieder eingeführt zu sehen." Die britischen Gewerkschaften hätten daraufhin Delors als Helden empfangen, schreibt Hugo Young in seiner bis heute unübertroffenen Geschichte der britisch-europäischen Beziehungskiste.

Vorbei. Jener "Wohlfühl-Heiligenschein", wie Owen Jones nicht ohne Spott die Hoffnungen beschreibt, die britische Linke einst mit der EU verbanden, sei jetzt erloschen "durch ein Land, das die EU in einen wirtschaftlichen Zusammenbruch getrieben hat, wie wir ihn seit der großen Depression in Amerika nicht mehr erlebt haben".

"Alles Gute an der EU ist auf dem Rückzug"

Seine Enttäuschung wird geteilt. George Monbiot, einer der bekanntesten umweltpolitischen und kapitalismuskritischen Autoren in Großbritannien bilanzierte vor einer Woche: "Alles Gute an der EU ist auf dem Rückzug, alles Schlechte läuft Amok." Er akzeptiere durchaus den Grundsatz der EU, fuhr Monbiot fort, dass bei Angelegenheiten von gemeinsamen Interesse, die staatliche Hoheitsgewalt auch gemeinsam ausgeübt werde. "Aber ich akzeptiere nicht, dass sich die reichen Staaten zusammentun, um den demokratischen Willen der ärmeren Staaten zu brechen – also genau das, was sie sich anschicken, in Griechenland zu tun."

Suzanne Moore, eine weitere prominente linke Journalistin, schrieb: "Ein Europa, das sich gegenüber Griechenland aufführt wie ein Gangster-Gerichtsvollzieher, kann ich nicht unterstützen." Für ihre Generation, sagt Moore, Jahrgang 1958, sei es so einfach, proeuropäisch zu sein, wie einen Billigflug nach Barcelona zu buchen: "Wir konsumierten die Kultur, ohne zu fragen, woher die Politik kam."

Diese europäische Identität sei für sie jetzt jedoch zutiefst fragwürdig geworden: "Je länger ich beobachte, was in Griechenland passiert, desto euroskeptischer werde ich, und ich frage mich auch, ob Euroskeptizismus nicht nur ein Code-Wort für das anti-deutsche Gefühl ist, das derzeit umgeht." Wenn die Deutschen fänden, sie sollten nicht für die Fehler der Griechen zahlen müssen, dann sähen sie nicht, was die Krise in Griechenland in Wirklichkeit sei: Eine Krise Gesamt-Europas. Schließlich seien seit 2008 Rettungsaktionen für den Finanzsektor von allen bezahlt worden.

Die feministische Autorin Caitlin Moran tweetete am Tag nach der Verhandlungsnacht ihren 543.000 Followern: "Mein Leben lang war ich pro-europäisch. Aber jetzt, wo ich sehe, wie Deutschland Griechenland behandelt, finde ich es nur abscheulich." Und Nick Cohen, einer der am schärfsten denkenden britischen Autoren der Linken, schrieb im Spectator, die EU gälte "mit einiger Berechtigung als grausame, fanatische und dumme Institution".