An einem chinesischen Bahnhof einfach nur abzuhängen, ist schon ein Ereignis. Wer dort ein wenig Zeit verbringt, wird über den Ausdruck "viele Menschen" ganz anders denken als zuvor.

Man setze sich zum Beispiel auf die Treppen am Bahnhof in Lanzhou, der Hauptstadt von Gansu, und schaue. Gansu ist eine arme Provinz im Nordwesten Chinas. Tibeter, Hui-Muslime und andere Minderheiten leben hier neben Han-Chinesen.

Eine Gruppe von Wanderarbeitern zieht vorbei, ein Unternehmer treibt sie vor sich her wie ein Hirtenhund eine Herde Schafe, er sammelt Personalausweise ein und gibt Zugfahrkarten aus. Die Wanderarbeiter sind arme Männer, die Gesichter zeugen von Arbeit und Sonne. Sie haben Reisstrohhüte auf dem Kopf, die Füße stecken in offenen Schlappen. Ihr Hab und Gut tragen die Männer auf dem Rücken oder schleppen es in Eimern mit: Decken, Tassen, ein paar Kleidungsstücke. Einer hat sich auf seinem Sack ausgestreckt, er ist 60, vielleicht sogar 70 Jahre alt. Die Augen fallen ihm zu, innerhalb von Sekunden ist er eingeschlafen.

Eine Geschäftsfrau stöckelt an dem Alten vorbei, ganz in Weiß und Spitze gekleidet. Ihre Füße stecken in viel zu kleinen High Heels, das Fleisch quillt heraus. Zackig rennt sie voran, wirft die Beine nach vorne, als ziehe sie in eine Schlacht. Sie hastet auf die Schalter zu, an denen lange Reihen Wartender drängeln und weibliche Staatsbeamte mit milder Verachtung für das Volk da draußen Tickets verkaufen.

Ein Junge mit einem Gitarrenkasten schlurft vorüber, auch Rock'n'Roll-Bands und Wandersänger nehmen die Bahn. Ein Mann, ein Beamter offenbar, drängt sich eilig zwischen den Menschen hindurch, sein Scheitel wie mit dem Lineal gezogen.

Im September wollen die Vereinten Nationen neue Entwicklungsziele verabschieden. Sie sollen auch für die reichen Industriestaaten gelten, nicht nur für die Armen – ein Paradigmenwechsel. Wir stellen jede Woche ein Ziel vor. Ein Klick auf das Bild bringt Sie zur Übersicht.

Nach einer halben Stunde ist klar: China ist ein Land, in dem unglaublich viele Menschen unglaublich viel unterwegs sind. Am auffälligsten ist das zur Zeit des Frühlingsfests, wenn alle auf Heimatbesuch fahren und die Zeitungen Fotos hoffnungslos überfüllter Zugabteile drucken. Jahr für Jahr findet hier die größte Völkerwanderung der Welt statt.

Bahnen, Brücken, Flughäfen für Millionen

Mehr als 1,35 Milliarden Menschen leben heute in China und alle wollen mobil sein. Was bedeutet das eigentlich für Luftverschmutzung und Weltklima? Aus chinesischer Sicht waren solche Überlegungen zweitrangig. Viel zu schnell musste eine gewaltige Infrastruktur zur Fortbewegung geschaffen werden, um das Land nach vorn zu bringen. In den vergangenen Jahrzehnten ließ die Regierung nicht nur fast über Nacht Millionenstädte bauen. Auch unzählige Kilometer an Straßen, Gleisen und Hochgeschwindigkeitstrassen wurden fertiggestellt. Bahnhöfe, Brücken, U-Bahnen, Flughäfen, Unterführungen, Mautstationen.

Die meisten Knoten und Stränge dieses gewaltigen Netzes sind nicht nur angesichts dieser Geschwindigkeit von erstaunlicher Qualität. Wer einmal länger in Indien unterwegs war, wird Hymnen auf chinesische Straßen singen. Wer beim Preis einer Fahrkarte der Deutschen Bahn zusammenzuckt, wird die chinesische Bahn ins Herz schließen. In China können es sich auch Studenten und Wanderarbeiter leisten, über 1.500 Kilometer von Lanzhou in die Hauptstadt zu reisen, wenn vielleicht auch nicht im Schnellzug.

Doch ist die Infrastruktur auch nachhaltig? Einerseits sind Eisenbahn, Busse, U-Bahnen und Hochgeschwindigkeitszüge sehr gut. Das Netz, auf dem sie rasen, ist auf 7.531 Kilometer angewachsen, bis zum Jahr 2020 soll es sich mehr als verdoppeln. Allein im Jahr 2013 flossen 190 Milliarden Euro Investitionen in den Verkehr.

Andererseits will die Regierung den privaten Konsum ankurbeln, um das Wirtschaftswachstum zu fördern – und das bedeutet, dass immer mehr Menschen Autos kaufen werden. Das Auto ist hier, wie überall auf der Welt, Symbol des Aufstiegs. Deutsche Autobauer wie VW oder BMW sehen es  gerne, nirgendwo können sie mehr Autos verkaufen als in China.  

Smog und Proteste

Weil die Menschen in Städten deutlich mehr verdienen als auf dem Land, werden vor allem in Ballungsräumen mehr von ihnen Auto fahren – auf ohnehin heillos überlasteten Straßen. Kein Pekinger, der nicht täglich über Smog und Staus klagt. Was wäre, wenn eines Tages die Mehrheit der Chinesen ein Auto haben sollte?

China erlässt Fahrverbote, entwickelt Elektroautos, will neue Mobilitätskonzepte erfinden. Doch ob das reichen wird, die Umweltverschmutzung einzudämmen oder spürbar zu reduzieren?

Auch die soziale Dimension wirft Fragen auf. Nicht immer sind Infrastrukturprojekte von allen gewollt. Viele Tibeter waren erbittert gegen den Bau der Eisenbahn nach Lhasa und sie stehen auch allen weiteren geplanten Infrastrukturprojekten skeptisch gegenüber, weil sie fürchten, dass dann noch mehr Hansiedler in die tibetischen Gebiete gelangen.

Xi Jinping will eine Seidenstraße der Meere

Längst plant und baut die chinesische Führung Infrastrukturprojekte in aller Welt. Der Premier preist Chinas Hochgeschwindigkeitszüge als großen Exportschlager. In Afrika baut China den größten Hafen des Kontinents. China betreibt Häfen weltweit, etwa in Pakistan, Sri Lanka, Myanmar und Griechenland. Es baut Hochgeschwindigkeitstrassen, Straßen, Bahnhöfe. In Nicaragua will ein chinesischer Geschäftsmann neben dem Panama-Kanal eine weitere Schiffspassage fertigstellen, nur eben viel größer als der Panama-Kanal.

Um die Infrastruktur kreisen auch die beiden Lieblingsprojekte des Präsidenten Xi Jinping: eine neue, erweiterte Seidenstraße sowie die sogenannte Seidenstraße der Meere entlang der Häfen und Handelsrouten.

Der Präsident verfolgt damit eine ganze Reihe von Zielen. Peking will eine Alternative zur US-zentrierten Welt aufbauen und die oft beschworene multipolare Welt forcieren. Es will der schwächelnden chinesischen Bau- und Stahlindustrie neue Betätigungsfelder eröffnen. Zudem sollen 1,35 Milliarden Menschen in China sicher versorgt werden.

In Lanzhou eilen indessen Wanderarbeiter, Unternehmer, Rocksänger und Beamte zum Zug. Wer versucht, in China einen Zug zu erwischen, wird über den Ausdruck "Gedränge" ganz anders denken als zuvor.