Lange Zeit weckte das Wort Explosion im Zusammenhang mit dem Iran sehr ungute Gefühle. Jetzt aber sprechen es plötzlich viele aus und verbinden große Hoffnungen damit: Das Atomabkommen mit dem Iran, das am späten Dienstag in Wien auf den Weg gebracht wurde, feierte der Iran selbst sowie viele westlichen Staaten als historische Einigung im jahrelangen Atomstreit. Zugleich ist es eine Befreiung der iranischen Wirtschaft, denn damit sollen auch die Sanktionen abgeschafft werden, die das Land jahrelang knebelten.

Deshalb erwarten viele nun eine Explosion: nämlich beim Wirtschaftswachstum. Denn viele Güter sind knapp, und Irans Unternehmen wollen endlich wieder produzieren. Viele Unternehmen hierzulande hoffen, dass auch ihre eigenen Exportraten demnächst durch die Decke gehen, wenn sie wieder ohne Beschränkungen mit Iran Handel treiben können. Die Spontanprognosen sind zumindest höchst optimistisch: "Es wird einen Boom geben", sagt Michael Tockuss, geschäftsführender Vorstand der deutsch-iranischen Handelskammer.

Vor allem die Produkte von Bau- und Infrastrukturfirmen, Maschinenbauern, Öl- und Gasindustrie, Auto- und Flugzeugherstellern werden gefragt sein. "Wenn alles gut läuft, könnten wir in drei bis vier Jahren die Zehn-Milliarden-Euro-Marke beim Export knacken", schätzte Volker Treier, Chef des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) direkt nach den Verhandlungen. Das wäre rund viermal so viel wie derzeit: Voriges Jahr exportierten deutsche Unternehmen nur Waren im Wert von 2,7 Milliarden Euro in die Islamische Republik.

2013 waren es sogar nur 1,8 Milliarden Euro und damit nur noch knapp die Hälfte dessen, was noch 2008 dorthin ausgeführt worden war. Der Grund: Nach mehrfachen Verschärfungen der Sanktionen fuhren viele deutsche Firmen ihr Engagement drastisch zurück. Einerseits auf Druck der Politik, die das Embargo beschlossen hatte. Andererseits auch aus Angst davor, wichtige Auftraggeber und Geschäftspartner vor allem in den USA zu verlieren, die sich für eine besonders strenge Einhaltung der Sanktionen einsetzten.

Bis zur Rechtssicherheit dauert es noch

Kommt nach so vielen Jahren der Handelsbeschränkungen das Geschäft nun wirklich so schnell zurück? Ganz so zügig wird es nicht gehen, mahnt Klaus Friedrich, Experte für Außenwirtschaft und Embargos beim Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA): "Wir treten da bewusst etwas auf die Bremse. Alle Seiten haben sich zu Hausaufgaben verpflichtet, von deren Erledigung hängt die Aufhebung der Sanktionen ab. Und das dauert einige Monate."

Zuerst einmal muss der Iran nukleare Anlagen ab- oder rückbauen, und die internationale Atomenergieorganisation muss das auch bestätigen. Parallel dazu wird die Europäische Union Regelwerke erarbeiten, welche Produkte künftig wieder ausgeführt werden dürfen, denn die Sanktionen fallen nur schrittweise. Der Export von Rüstungsgütern wird auch in den kommenden acht Jahren weiter nicht erlaubt sein. Bis aber die EU-Verantwortlichen allein festgelegt haben werden, welche Güter ungefährlich sind und welche potenziell für Rüstungszwecke verwendet werden könnten, und bis parallel dazu die iranischen Anlagen demontiert sind, wird es noch rund ein Jahr dauern, schätzen Insider. Dann erst herrscht Rechtssicherheit.

So lange werden die Unternehmen vermutlich trotzdem nicht warten, sagen Wirtschaftsvertreter hinter vorgehaltener Hand: "Der Mittelstand wäre nicht der Mittelstand, wenn er das Risiko nicht abwägen und schon einmal Geschäfte einfädeln würde." Auf die Frage, welche Firmen oder Branchen jetzt wieder auf den iranischen Markt preschen, antwortet ein Außenhandelsexperte wie aus der Pistole geschossen: "alle".

Zuletzt lief der Export zwar nur auf Sparflamme, doch "50 bis 70 Prozent des Irangeschäfts sind bereits heute embargofrei" und wären damit erlaubt, sagt Klaus Friedrich. Etwa die Ausfuhr von Nahrungsmitteln, Konsumgütern, Saatgut, Düngemitteln und Medikamenten. "Diese Geschäfte können also schon jetzt laufen." Es ist nur die Frage, ob die betreffenden Firmen tatsächlich bereits den Mut haben, ihre Geschäfte im Iran abzuwickeln – aus rechtlichen Gründen und aus Imagegründen.

Fehlende Bankverbindungen hemmen die Geschäfte

Nur wenige Großunternehmen bekannten sich auch in den vergangenen Jahren offen dazu, ihr Geschäft wie gewohnt weiterlaufen zu lassen. Bayer und BASF waren zwei davon. Auch Henkel unterhielt weiterhin eine Niederlassung im Iran. Insgesamt seien 80 Firmen noch mit Niederlassungen aktiv, bezifferte die deutsch-iranische Handelskammer unlängst, und es gebe rund 1.000 Handelsvertretungen und Vertriebsstellen.

Die andere Frage ist, ob die Unternehmen die nötige Schützenhilfe von den Banken bekommen. "Unser größtes Hemmnis bisher waren die fehlenden Bankverbindungen", sagt Regina Brückner, Chefin des mittelständischen Textilmaschinenherstellers Brückner Technologies. "Wir konnten das Geld aus dem Iran nicht aufnehmen und deshalb auch keine Maschinen dorthin verkaufen." Obwohl Brückner das gern getan hätte und Geschäftspartner ihr signalisierten, dass sie ihr bereitwillig Maschinen abnehmen würden, sah sie oft zu, wie sich iranische Textilfirmen stattdessen Gebrauchtmaschinen aus anderen Ländern beschafften.

Dass die Banken derzeit das Geschäft bremsen, bestätigt auch die deutsch-iranische Handelskammer: "Es gibt nicht mehr als ein halbes Dutzend deutscher Banken, die beim Neu-Irangeschäft mitmachen", sagt Tockuss, "dabei hat keine europäische Sanktion deutsche Banken davon abgehalten, legales Geschäft mit dem Iran zu machen." Auch der VDMA appelliert dringend an die Finanzbranche: "Die deutsche Industrie kann den Iranexport relativ zügig wieder nach oben fahren, wenn die Banken ihre restriktive Geschäftspolitik beim Irangeschäft revidieren."

"Made in Germany" hat ein gutes Image im Iran

Von den ursprünglichen Geschäftsbeziehungen aus der Zeit vor dem Embargo sei zumindest noch der Großteil intakt, bestätigen fast alle Wirtschaftsverbände. Die Kontakte stammen größtenteils noch aus der Zeit weit vor der islamischen Revolution 1979. Bis zur Verschärfung der Sanktionen 2012 war Deutschland Irans drittwichtigster Handelspartner. Inzwischen haben sich China, Indien und Südkorea dazwischengeschoben, aber noch immer ist die Bundesrepublik Irans größter Handelspartner in Europa.

"Das Image deutscher Unternehmen und Produkte ist sehr gut im Iran", sagt Handelskammer-Vorstand Tockuss. "Die Stabilität der Beziehungen haben eindeutig die Mittelständler aufrecht erhalten. Sie haben einfach weitergemacht im Rahmen dessen, was legal möglich war." Und das waren im vergangenen Jahr immerhin 2,7 Milliarden Euro Umsatz. "Wir können da gut aufbauen und anknüpfen", stellt auch der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) fest. Regina Brückner hat das ebenfalls bei ihrer Iranreise erlebt: "Viele Geschäftspartner haben selbst in Deutschland studiert, oder deren Eltern. Viele sagten mir, sie würden lieber mit uns Geschäfte machen als mit asiatischen Anbietern."

Seit sich die iranische Staatsführung in den Atomverhandlungen bewegt, haben viele deutsche Firmen Mut gefasst, die Geschäfte wieder aufzunehmen. Das hat die Exportzahlen bereits 2014 wieder um 30 Prozent angehoben. "Das hatte allein mit Psychologie zu tun", sagt Tockuss, "weil sich die Einstellung zu Iran positiv verändert hat." Nur die ganz zurückhaltenden Unternehmen werden wohl noch länger abwarten, sagt Außenhandelsexperte Friedrich vom VDMA: "Wer schon die ganze Zeit trotz Embargofreiheit kein Irangeschäft getätigt hat, wird sich auch weiter zurückhalten, bis die Sanktionen endgültig und vollständig fallen."

Dazu gehören viele Großunternehmen und Dax-Konzerne wie Siemens. Der Weltkonzern hat schon seit 140 Jahren ein eigenes Büro in Teheran, fuhr aber 2010 sein Engagement stark zurück, auch um amerikanische Geschäftskontakte nicht zu gefährden. Derzeit wollen Sprecher des Konzerns noch keine Kursänderung ausrufen: "Die Sanktionen bestehen ja noch. Insofern hat sich unsere Haltung derzeit noch nicht geändert."

Der Hauptgrund dürfte sein: Die Großkonzerne werden von ihren internen Compliance-Abteilungen gebremst, die jahrelang strikt auf die Einhaltung von Regeln pochten. Viele Vertriebsmitarbeiter sehen zwar seit einem Jahr Perspektiven im Irangeschäft, dürfen aber offiziell nicht handeln. Danken wird es ihnen der Mittelstand. Der wagt sich vermutlich nun in den Markt, auf Boom komm raus.