Griechenland ist seit Mitternacht offiziell pleite – auch wenn es niemand so nennt. Und wer ist schuld? Alexis Tsipras. Die griechische Regierung hat kein Rezept für ihr Land, sie hat in den vergangenen fünf Monaten jegliches Vertrauen in Europa verspielt. Mit der Ankündigung eines Referendums für Sonntag hat der Premier gezeigt, um was es ihm wirklich geht: Er will seine Position durchsetzen  – notfalls um jeden Preis. Er erpresst seine Kollegen in der Eurogruppe, damit sie ihm in den Verhandlungen noch weiter entgegenkommen. Europa hat sich radikalisiert. Alles irgendwie richtig.

Aber angesichts des kollektiven europaweiten Ärgers über Tsipras muss man sich doch fragen: Ist das die ganze Wahrheit?

Natürlich versucht die restliche Eurozone, in diesem Blame Game genau diesen Eindruck zu erwecken: Tsipras handelt unverantwortlich. Das Ziel ist, die Griechen sollen beim Referendum mit Ja stimmen und so dafür sorgen, dass Griechenland den Euro behält und die Syriza-Regierung möglicherweise gar abtritt. Das hat Tsipras in einer Rede am Montagabend bereits angedeutet.

Aber wahr ist auch: Die Regierung Tsipras ist ein Ergebnis von fünf Jahren Troika. Griechenland wurde eine Last aufgebürdet, unter der das Land zusammengebrochen ist. Dass sich die Bürger nach fünf Jahren harter Austeritätspolitik radikalen politischen Positionen zuwenden, die ein Ende dieser Knebelpolitik versprechen, sollte niemanden überraschen.

Vor wenigen Tagen hat sich der ehemalige Chef des Internationalen Währungsfonds, Dominique Strauss-Kahn, zu Wort gemeldet. Er verteidigte den Einstieg des IWF in die Euro-Rettung und vor allem: Er entschuldigte sich für die verfehlten Prognosen seines Fonds. Man habe unterschätzt, wie dysfunktional dieser Staat sei, wie schlecht die Institutionen in Griechenland funktionierten.

All die Fehler der Vergangenheit sind bekannt. Nur sind bis heute nicht die notwendigen Konsequenzen gezogen worden. Griechenland soll erneut hart sparen und Verwaltung und Wirtschaft neu erfinden. Das kann nicht gleichzeitig und so schnell funktionieren, wie Griechenlands Gläubiger fordern.

Um zu begreifen, dass Europa – und auch die deutsche Bundesregierung – für die heutige Tsipras-Misere mitverantwortlich ist, muss man sich nur die letzten Monate der Samaras-Regierung im Jahr 2014 anschauen. Ein Großteil der Sparmaßnahmen des zweiten Hilfspaketes (Mehrwertsteuererhöhungen und Pensionskürzungen) hatte bereits Tsipras' Vorgänger abgelehnt. Die Troika von IWF, EU-Kommission und Europäischer Zentralbank aber pochte auf Erfüllung, obwohl sich die Wirtschaft gerade vorsichtig erholte. Am Ende war die harte Haltung der Troika ein Grund für Neuwahlen.

Griechenland braucht einen Schuldenschnitt

Dabei wussten alle Beteiligten, wer die Wahl gewinnen würde: Alexis Tsipras. Schon Jahre vor seinem Wahlsieg tourte er mit seiner Botschaft durch Europa und spätestens seit seiner Grundsatzrede in Thessaloniki im September 2014 wussten alle in Europa, für welche Politik er steht. Tsipras präsentierte sie mit Verve – und das Volk griff bei den Wahlen im Januar zu.  

Was folgt daraus? Wenn Europa Griechenland wirklich im Euro halten will, braucht das Land einen Schuldenschnitt, wie ihn Tsipras und sein Finanzminister Yanis Varoufakis fordern. Sogar bei einem seiner Gläubiger stößt Griechenland hier auf offene Ohren: Der IWF fordert ihn schon lange. Ein Schuldenschnitt bedeutet aber auch, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel den Deutschen sagen müsste: Sorry, ein Teil des Geldes ist weg.

Griechenland hat Reformen immer wieder verschleppt. Aber das Land hat trotzdem einiges erreicht: Es erwirtschaftete sogar unter der neuen Tsipras-Regierung einen Primärüberschuss, also ein Plus im Staatshaushalt vor Abzug der Zinszahlungen. Und das, obwohl die Wirtschaftsleistung in den vergangenen Jahren um ein Viertel geschrumpft ist. Das macht deutlich, wie brachial die Sparpolitik der Troika war. Was das Land außerdem braucht, sind weitere harte Strukturreformen und endlich wieder Wachstum. Es braucht nicht Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen. Ein Schuldenschnitt könnte den notwendigen Spielraum dafür schaffen. Das muss Europa mit Griechenland jetzt verhandeln. Wenn nicht mit Alexis Tsipras, dann mit seinem Nachfolger. Europa sollte es probieren.

Kurz erklärt - Was bedeutet Grexit? Schon seit 2009 wird in Politik und Medien vom Grexit gesprochen – dem Austritt Griechenlands aus der Eurozone. Ein solches Szenario hat es noch nie gegeben – selbst Staatsrechtler sind sich über die juristischen Folgen eines Grexits uneinig.