Der ehemalige griechische Finanzminister Yanis Varoufakis bedauert, dass es ihm nicht gelungen sei, der deutschen Bevölkerung seine enge Verbundenheit zu Deutschland zu vermitteln. "Die Medien haben mich von Anfang an als diesen Verrückten hingestellt, der den Deutschen ans Geld will. Meine Worte haben die deutsche Öffentlichkeit nie erreicht", sagte Varoufakis in einem Gespräch mit dem ZEITmagazin und ZEIT ONLINE. Das sei für ihn eine der größten Enttäuschungen seiner Amtszeit, sagte Varoufakis, der im Juli als Finanzminister zurückgetreten war.

Im Interview erzählt Varoufakis, wie stark Deutschland ihn in seiner Jugend prägte: "Während der griechischen Militärdiktatur bin ich praktisch mit dem Radioprogramm der Deutschen Welle aufgewachsen. Das war eine Stimme der Freiheit." Für seine Eltern sei Deutschland so etwas wie eine spirituelle Heimat gewesen. Seine Mutter habe eine Ausbildung zur Deutschlehrerin abgeschlossen. "In den siebziger Jahren verbrachten wir regelmäßig die Sommermonate in den deutschen und österreichischen Alpen. Es gibt noch einen Familienfilm, in dem ich mit Freunden fließend Deutsch spreche."

Bis heute schwärmt Varoufakis für deutsche Musik. "Nina Hagen war die Heldin meiner Jugend. Ich verehre Nina Hagen." Dass sie jetzt ziemlich abgedreht ist, störe ihn nicht. "Das ist doch gut so!"

Auf die Frage, ob er Deutschland tatsächlich den ausgestreckten Mittelfinger gezeigt habe, wie es in einem Video bei Günther Jauch zu sehen war, sagte Varoufakis dem ZEITmagazin und ZEIT ONLINE: "Ich weiß es nicht mehr genau, aber ich kann es mir nicht vorstellen. Jemandem den Mittelfinger zu zeigen ist nicht meine Art. Ich habe drei Leute gefragt, die damals dabei waren. Einer hat gesagt, ich habe den Finger gezeigt, die beiden anderen meinten, ich habe es nicht getan."

Die ersten Tage seiner Amtszeit im Januar 2015 als Minister seien chaotisch gewesen: "Wir hatten noch nicht einmal Geld für Toilettenpapier. Als ich Minister wurde, bin ich in ein praktisch leeres Ministerium gezogen. In meinem Stockwerk – da waren nur ich und mein Laptop." Offensichtlich hätten seine Vorgänger alle Computer mitgenommen. "Es hat mich eine halbe Stunde gekostet, eine Internetverbindung in meinem Büro zu installieren." Die vorherige griechische Regierung habe die Beamten rausgeworfen und sich stattdessen mit Beratern umgeben. Als die Regierung gehen musste, seien auch ihre Berater gegangen, sagte Varoufakis. "Im Ministerium war keine Menschenseele."

"Ich wurde als gefährlicher Dummkopf dargestellt"

In dem Interview spricht Varoufakis auch über sein Verhältnis zu den Medien und seinen ehemaligen Kollegen in der Eurogruppe. Gezielt hätten Medien ihn diskreditiert: "Man wollte nicht, dass ich gehört werde. Ich wurde als gefährlicher Dummkopf dargestellt." Über sich selbst sagte der 54-Jährige im Gespräch mit dem ZEITmagazin und ZEIT ONLINE: "Ich bin ein Außenseiter. Aber manchmal können nur Außenseiter wirklich erkennen, was schiefläuft, weil sie den nötigen Abstand haben."

Die Eurogruppe griff Varoufakis scharf an: "Die Währungsunion wird von einem undurchsichtigen Gremium regiert, das niemandem Rechenschaft schuldig ist und dessen Sitzungen nicht protokolliert werden. Meiner Ansicht nach ist das ein Anschlag auf die Demokratie. (…) Es ist ein Desaster, was Europa in dieser Runde angetan wird."