Der größte Feind der Energiewende ist der Blackout. Sollte in Deutschlands Wohnungen mal für ein paar Stunden Dunkelheit herrschen, sollte das Bier im Kühlschrank lauwarm bleiben, googeln nicht mehr möglich sein und sollten Fabriken wie Krankenhäuser wegen Stromausfall lahmgelegt werden – das Jahrhundertvorhaben würde wahrscheinlich in Windeseile an Zustimmung verlieren. Es wäre der Super-Gau für das deutsche Man-to-the-Moon-Projekt.

Im vergangenen Jahr musste zwar jeder Verbraucher im Schnitt nur 12 Minuten und 28 Sekunden unfreiwillig auf Strom verzichten. Die Stromversorgung war so sicher wie nie zuvor, seitdem die Netzbetreiber Blackouts systematisch erfassen. Dennoch wächst die Gefahr – und zwar umso mehr, je größer der Anteil der Kilowattstunden wird, die aus Sonnen- und Windkraft gewonnen werden. Die Solar- und Flügelkraftwerke sind zwar klimaverträglich, weil sie kein Kohlendioxid ausstoßen, sie sind aber leider auch unzuverlässig. Mal weht der Wind, auch wenn der Bedarf klein ist – mal ist die Stromnachfrage hoch, der Wind aber eingeschlafen und die Sonne hinter Wolken verborgen.

Die grüne Stromproduktion machte im vergangenen Jahr erst 26 Prozent der gesamten Erzeugung aus, nicht einmal 15 Prozent des Stroms stammten aus den unsteten Quellen Sonne und Wind. Soll die von den G 7 in Aussicht gestellte "Dekarbonisierung der Weltwirtschaft" Realität werden, soll aus dem Klimaschutzversprechen der Bundesregierung etwas werden, dann muss allerdings in absehbarer Zeit sämtlicher Strom grün werden. Hierzulande heißt das: Er muss im Wesentlichen aus Sonne und Wind gewonnen werden, ausgerechnet also aus den launischen Quellen. Für die Energiewende ist das die Stunde der Wahrheit.

Macht Power-to-Gas die Energiewende billiger – oder teurer?

Mal wird zu viel grüner Strom da sein, mal zu wenig – das ist das Problem. Könnten die überschüssigen Kilowattstunden im Stromnetz gelagert werden, um bei Knappheit die Versorgung zu sichern, wäre es gelöst. Doch dafür taugt das Stromnetz nicht, Erzeugung und Verbrauch müssen dort immer zeitgleich erfolgen. Was also tun?

Über mögliche Lösungen für dieses Kardinalproblem herrscht heftiger Streit. Der kommt zwar reichlich technisch daher, hat es aber in sich: Es geht um ein Verfahren namens Power-to-Gas, und die Duellanten sind das Öko-Institut und Greenpeace Energy. Letzterer ist der kommerzielle Ableger der Umweltorganisation, der sich in diesem Fall – bizarrer geht es kaum – in der Gesellschaft der Stromkonzerne befindet. RWE und andere Anbieter wollen mit dem Betrieb von Power-to-Gas-Anlagen retten, was noch zu retten ist; die Energiewende hat sie schließlich schwer gebeutelt, weil sie die Zeichen der Zeit zu spät erkannt haben.

In einer aktuellen Studie, in Auftrag gegeben von Greenpeace Energy, kommt der Regensburger Energieprofessor Michael Sterner zu der Kernaussage, dass die Energiewende mit dem umstrittenen Power-to-Gas-Konzept günstiger wird als ohne. Schon vom Jahr 2035 an ließen sich Kosten sparen, heißt es in Sterners Studie, bis zu 18 Milliarden Euro im Jahr 2050. Solche Aussagen hängen zwar von vielen Voraussetzungen ab, unter anderem von der erwarteten Entwicklung der Erdgaspreise und der Preise für CO2-Zertifikate. Dennoch läutet Sterners These eine neue Runde in der Debatte ein: zum einen, weil sie konträr zu einer Analyse des Öko-Instituts steht, in der das Verfahren als "extrem teuer und ineffizient" bezeichnet wird; zum anderen, weil der grün gesinnte Professor eben nicht irgendwer ist, sondern Co-Autor eines kürzlich erschienenen Lehr- und Fachbuches über Energiespeicher, quasi Deutschlands "Speicherpapst".

Worum geht es? Zeitweilig überschüssiger, also praktisch wertloser Solar- und Windstrom ließe sich nutzen, um Wasser per Elektrolyse chemisch zu spalten und daraus Wasserstoff zu gewinnen. In einem weiteren Umwandlungsschritt könnte daraus Methan, also Erdgas, gewonnen werden, das bei Bedarf wieder verstromt werden kann. Das grüne Erdgas, "Windgas", ließe sich im weitläufigen Erdgasnetz mit seinem Speichern und Leitungen lagern und jederzeit wieder abrufen. Die heute bereits vorhandenen Speicherkapazitäten reichten, um die Stromversorgung per Windgas in Gaskraftwerken für rund drei Monate abzusichern, heißt es in Sterners Studie.