1. Deutschland nimmt schon viel mehr Flüchtlinge auf als andere Länder

Betrachtet man nur die absolute Zahl von 180.000 Flüchtlingen im ersten Halbjahr 2015, dann ist Deutschland zurzeit das Land in Europa, in dem die meisten Flüchtlinge einen Asylantrag stellen. Doch erstens gilt das erst seit kurzer Zeit. Und zweitens gilt: Rechnet man die Zahl der Asylsuchenden auf die Einwohnerzahl um, sind Schweden und Ungarn derzeit die Länder Europas, die am meisten Flüchtlinge aufnehmen – gefolgt von Österreich. In Schweden wurden 2014 mehr als acht Asylanträge pro 1.000 Einwohner gestellt. Wichtig ist außerdem, wie oft die Staaten den Anträgen stattgeben. Auch da liegt Schweden weit vor uns: Die Skandinavier stimmen zwei Dritteln der Asylanträge zu. Deutschland dagegen weist viel mehr als die Hälfte der Anträge ab. Im internationalen Vergleich – also nicht nur Europa – liegt die Bundesrepublik übrigens auf keinem vorderen Platz im Ranking der Länder, die Asyl gewähren.

2. Wir haben keinen Platz mehr in Deutschland

Deutschland hat keinen Platz mehr, heißt es oft. Es gebe ohnehin kaum noch bezahlbare Wohnungen in deutschen Städten. Wo sollten also weitere Flüchtlinge unterkommen? Besonders die vielen Berichte von übervollen Erstaufnahmestellen erwecken diesen Eindruck. Und ja, einige Städte sind mit der Organisation der Flüchtlingsunterkünfte überfordert. Tatsache ist jedoch: Ganze Landstriche Deutschlands entvölkern sich zusehends, weil dort niemand mehr wohnen will. In vielen Gemeinden stehen Wohnungen leer. Im Odenwaldkreis in Hessen kommt derzeit nicht einmal ein Flüchtling auf 1.000 Einwohner. In Schwandorf in Bayern sind es derzeit gerade mal zwei Flüchtlinge. Und in Berlin, einer der Hochburgen der Neuankömmlinge, leben 4,5 Flüchtlinge unter 1.000 Berlinern. Im Schnitt kommen in Deutschland derzeit etwa zwei Asylbewerber auf 1.000 Bewohner. In Schweden sind es viermal so viele.

3. Müssen wir denn wirklich halb Afrika retten?

Wir werden derzeit Zeugen einer neuen Völkerwanderung. Rund 60 Millionen Menschen weltweit sind auf der Flucht, so viele wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Wenn nun Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sagt: "Wir können die Probleme Afrikas doch nicht dadurch lösen, dass die Hälfte der Menschen Afrikas nach Europa kommt", leitet das aber grob in die Irre. Die Mehrheit der Flüchtlinge weltweit stammt nicht aus Afrika. Zudem suchen nur wenige Afrikaner Schutz in Europa. Ein Blick in die Statistik der Flüchtlingsagentur der Vereinten Nationen UNHCR zeigt, dass die größte Gruppe der Flüchtenden – vier Millionen Menschen 2014 – aus Syrien stammt. Das zweite große Fluchtland ist Afghanistan. Beide Länder stellen rund 30 Prozent derjenigen, die hierzulande Asyl suchen. Weitere 30 Prozent kommen aus den Staaten Ex-Jugoslawiens. Unter den zehn Herkunftsländern, deren Bewohner derzeit in Deutschland am häufigsten Asyl suchen, ist nur ein afrikanisches Land, nämlich Eritrea. Von dort kommen drei Prozent der Asylsuchenden.

4. Denen geht's doch gar nicht schlecht – die haben sogar teure Handys

Es stimmt, dass viele Flüchtlinge ein Handy dabeihaben. Das aber ist kaum überraschend: In den Herkunftsländern sind Handys keine Luxusobjekte und Statussymbole, sondern oft die einzigen Elektrogeräte, die Menschen überhaupt besitzen. Sie sind oft ein überlebenswichtiges Kommunikationsmittel. Viele Menschen schafften sich in den Revolutionswirren des Arabischen Frühlings Handys an, um sich untereinander vor Militärattacken zu warnen und Demonstrationen zu organisieren. Heute gibt es allein in Syrien zwölf Millionen Handys auf 20 Millionen Einwohner. Die Handyhersteller förderten diese Verbreitung. Sie witterten einen gigantischen Absatzmarkt, also brachten sie abgespeckte Billigmodelle auf den Markt. Apple sammelte in den USA sogar Gebraucht-iPhones bei der Kundschaft ein, um sie aufzubereiten und gezielt nach Nahost zu verschicken. Deswegen sieht man viele Flüchtlinge mit vermeintlich teuren iPhones. Handys sind zudem das einzige Mittel, mit dem die Flüchtenden ihren Daheimgebliebenen Lebenszeichen senden können.

Die wollen doch eh nicht arbeiten

5. Die Flüchtlinge nehmen uns die Arbeitsplätze weg

In Deutschland scheint die Angst groß, dass Flüchtlinge der heimischen Bevölkerung den Wohlstand streitig machen. Fakt ist aber: In vielen Wirtschaftsbereichen fehlen uns heute schon die nötigen Arbeitskräfte. Und aus Kriegsgebieten kommen viele gut ausgebildete Menschen. Die Hälfte hat einen Facharbeiterabschluss oder ist sogar Akademiker, so die Bundesagentur für Arbeit. Doch wer als Asylbewerber nach Deutschland kommt, darf erst einmal drei Monate nicht arbeiten und hat es auch danach schwer, einen Job zu bekommen (siehe Punkt 9).

Die deutsche Bevölkerung schrumpft. In etwa 15 Jahren gehen pro Jahr doppelt so viele Beschäftigte in Rente, wie Schulabgänger neu auf den Arbeitsmarkt kommen. Und in etwa 35 Jahren werden jährlich eine halbe Million mehr Menschen sterben als geboren. Schon 2030 könnten uns rund sieben Millionen Arbeitskräfte fehlen – ein Sechstel der heute Beschäftigten, ermittelte das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Das Einzige, was unser Land langfristig rettet, sind mehr jüngere Leute, die hier leben und arbeiten wollen. 90 Prozent der Flüchtlinge, die zu uns kommen sind jünger als 40.

6. Wir müssen die alle durchfüttern – das kostet Unmengen an Geld

Gut fünf Milliarden Euro geben die Bundesländer 2015 vermutlich aus, um die rund 400.000 Asylbewerber zu versorgen, die bei uns eingetroffen sind oder noch eintreffen werden. Einen Teil davon, rund eine Milliarde, bekommen die Länder als Finanzspritze vom Bund. Natürlich sind fünf Milliarden Euro viel Geld. 2014 kosteten die Flüchtlinge den Staat nicht einmal die Hälfte, nur 2,2 Milliarden Euro. Da suchten aber auch nur halb so viele Menschen Schutz. Aber das Geld dafür ist da: Es stammt oft aus Steuerüberschüssen und Haushaltsrücklagen. Zudem machen fünf Milliarden Euro gerade einmal 1,8 Prozent des Bundeshaushalts aus. Und noch ein Vergleich relativiert die fünf Milliarden Euro: Allein an Zinsen für seine Schulden zahlt Deutschland jährlich 35 Milliarden Euro. Noch winziger wirken die Flüchtlingsausgaben, wenn man weiß: Die Bundesrepublik hat allein für die Rettung ihrer Banken jüngst 290 Milliarden Euro ausgegeben.

7. Flüchtlinge bekommen mehr Geld als Hartz-IV-Empfänger

Lange Zeit bekamen Asylbewerber nur knapp die Hälfte dessen, was Hartz-IV-Empfänger für den Lebensunterhalt kriegen. Erst 2012 entschied das Bundesverfassungsgericht: Ein Flüchtlingsleben ist nicht weniger wert als das Leben eines Bundesbürgers, deshalb soll ein Flüchtling auch das Gleiche bekommen. Den Großteil der Leistungen erbringt der Staat für Flüchtlinge aber in Form von Sachleistungen, etwa das Essen, die Unterbringung in den Flüchtlingsheimen, Kleiderspenden und Erstausstattungspakete. Dazu bekommt jeder erwachsene Flüchtling rund 130 Euro Taschengeld im Monat, Kinder etwa 90 Euro. Sind die Flüchtlinge nicht in Massenunterkünften untergebracht, sondern dezentral, steht ihnen etwas mehr Geld für die Eigenversorgung zu. Insgesamt ist das aber nicht mehr als Hartz-IV-Empfänger bekommen. Der Pauschalvorwurf, Einwanderer lägen dem Staat auf der Tasche, stimmt ohnehin nicht: Die Bertelsmann Stiftung ermittelte, dass Menschen ohne deutschen Pass 2014 im Schnitt 3.300 Euro mehr an Steuern zahlten, als sie in Form von Kindergeld oder sonstigen staatlichen Unterstützungen bekamen. Einwanderer entlasten also den Sozialstaat sogar. Wenn jedes Jahr 200.000 Einwanderer ins Land kämen, müsste jeder Deutsche jährlich 400 Euro weniger Steuern zahlen.

8. Wer vom Balkan kommt, ist sowieso ein Wirtschaftsflüchtling

Auf dem Balkan herrscht kein Bürgerkrieg, deshalb denken viele Menschen hierzulande: Asylsuchende aus dem ehemaligen Jugoslawien seien nichts anderes als Wirtschaftsflüchtlinge. Die rennen bloß vor der Armut in ihren eigenen Ländern davon und suchen bei uns ein besseres Leben. Fakt ist aber: Besonders serbische und kosovarische Roma leiden in ihren Heimatländern unter "starker Diskriminierung", das stellte sogar die EU-Kommission fest. Wie die Diskriminierung aussieht, beschreibt die Vereinigung Pro Asyl so: Roma bekommen oft keine Wohnungen, sie leben in Slums, meist ohne Strom und Heizung. Sie können ihre Kinder nicht zur Schule schicken, kriegen keine Arbeit und sind auch nicht übers Gesundheitssystem abgesichert. Sie leben in existenzieller Not, viele leiden sogar Hunger. Nun können sich andere EU-Bürger einfach in einem anderen Land eine Arbeit suchen. Diese Möglichkeit ist ihnen verwehrt. Daher finden Länder wie Finnland und die Schweiz: In rund 40 Prozent der Fälle sind Asylanträge serbischer und kosovarischer Flüchtlinge gerechtfertigt. Frankreich, Belgien und Großbritannien geben immerhin jedem fünften Antrag statt. Deutschland schiebt fast zu 100 Prozent ab.

9. Die wollen doch eh nicht arbeiten

Die meisten Flüchtlinge würden am liebsten einer Beschäftigung nachgehen, statt in Massenunterkünften abzuhängen. Allerdings haben es Flüchtlinge oft schwer, einen Job zu ergattern. In den ersten drei Monaten dürfen sie laut Gesetz gar nicht arbeiten. Und dann müssen sie als Flüchtling anerkannt sein. Danach stehen viele in der Schlange vor ihnen, die nach dem "Vorrangprinzip" bei der Jobvergabe bevorzugt werden: Zuerst haben alle deutschen Arbeitnehmer Anrecht auf eine freie Stelle. Danach EU-Bürger, Bürger aus dem Europäischen Wirtschaftsraum, dann Schweizer. Dann erst kommen Ausländer mit Arbeitsberechtigung, unbefristeter Aufenthaltserlaubnis oder Aufenthaltsberechtigung. Die Bundesagentur für Arbeit prüft, ob diese Regeln eingehalten werden. Nur bei Berufen mit Arbeitskräfteknappheit entfällt diese Vorrangprüfung. Viele Arbeitgeber haben ohnehin Vorbehalte gegen Flüchtlinge: Sprechen sie genug Deutsch? Sind sie genügend ausgebildet für den Posten? Sind sie am Ende bald wieder weg? Und für hoch qualifizierte Flüchtlinge gibt es noch absurdere Gesetze: Wer etwa als Arzt oder Ingenieur hierzulande arbeiten und eine vorhandene Lücke am Arbeitsmarkt stopfen will, der muss laut Gesetz den Antrag in seinem Heimatland stellen. Bürgerkriegsflüchtlinge müssten also ins Kriegsgebiet zurückkehren.

10. Und am Ende gehen die nie wieder zurück

Bleiben Flüchtlinge und andere Migranten wirklich lange hier? Nein. Weniger als die Hälfte aller Einwanderer leben länger als ein Jahr in der Bundesrepublik, 74 Prozent sind nicht länger als vier Jahre hier, wie aus der Statistik des Bundesamtes für Migration (Bamf) hervorgeht. Wer langfristig hierbleibt, kommt zu 60 Prozent aus anderen EU-Staaten, allen voran aus Polen, Rumänien, Ungarn und Bulgarien. Flüchtlinge dagegen kehren oft freiwillig heim und zwar recht rasch. Das fördern die Bundesbehörden auch mit Rückkehrprogrammen für Asylanten: 80 Prozent der Rückkehrer waren maximal ein Jahr hier, nur sechs Prozent länger. Über eine halbe Million Flüchtlinge haben in den vergangenen Jahren mithilfe des Bamf den Heimweg angetreten.

Denn wirklich integriert würden die meisten hier ohnehin nicht, kritisiert eine Studie der Bertelsmann Stiftung. Das liege auch an den langen Bearbeitungszeiten der deutschen Behörden, die erschwerten es den Flüchtlingen, hier überhaupt Fuß zu fassen. Zudem wollen die allermeisten ohnehin nicht längerfristig ihr Land verlassen: Vier von fünf Flüchtlingen retten sich selbst aus Kriegsgebieten gerade einmal über die nächste Grenze, etwa nach Pakistan, in den Iran oder die Türkei – oder sie bleiben gleich in ihrem Land, stellt der Flüchtlingsrat UNHCR fest. Von den sieben Millionen Geflohenen aus Afghanistan sind inzwischen etwa 5,5 Millionen in ihre Heimat zurückgekehrt.

Mitarbeit: Philip Faigle

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