Deutschland hat einer Untersuchung des Instituts für Wirtschaftsforschung (IWH) zufolge "finanziell stark" von der Eurokrise profitiert. Das gilt den Wissenschaftlern zufolge selbst dann, wenn die griechischen Schulden komplett ausfallen sollten.

Hintergrund sind die aufgrund der Krise gesunkenen Zinsen auf deutsche Staatsanleihen. Dem IWH zufolge konnte der deutsche Fiskus in den letzten viereinhalb Jahren allein aus diesem Grund mehr als 100 Milliarden Euro einsparen. Dies sei mehr als die rund 90 Milliarden Euro, die Griechenland Deutschland direkt und indirekt zum Beispiel über den Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) schulde. "Diese Einsparungen übertreffen die Kosten der Krise – selbst dann, wenn Griechenland seine Schulden komplett nicht bedienen würde", heißt es in einer Mitteilung des IWH. Deutschland habe also in jedem Fall von der Griechenland-Krise profitiert. Zu einem ähnlichen Ergebnis war im Februar bereits eine Studie des Instituts für Weltwirtschaft gekommen.

Die Erklärung der Wissenschaftler: In der Krise suchten viele Anleger "sichere Häfen" für ihr Geld. Deutsche Staatsschulden sind ein begehrtes Anlageobjekt. Außerdem versorgte die Europäische Zentralbank (EZB) den Markt zur Stabilisierung mit frischem Geld. Die aus diesem Zusammenhang entstehende hohe Nachfrage drückte die Rendite der deutschen Anleihen. Die Folge: Deutschland konnte auslaufende Staatsanleihen mit neuen Anleihen ersetzen, für die viel niedrigere Zinsen als üblich fällig werden.

Die "Flucht in sichere Häfen" ist laut IWH ein an den Märkten häufig beobachtetes Phänomen. Die Wissenschaftler untersuchten dabei auch, wie sich positive und negative Nachrichten zur Verschuldung Griechenlands in den Renditen deutscher Anleihen niederschlugen. Dabei erkannten sie einen direkten Zusammenhang. "Schlechte Nachrichten in Griechenland waren gute Nachrichten in Deutschland und umgekehrt", heißt es in der Studie. Die Wissenschaftler rechnen deswegen damit, dass der Zinsvorteil anhalten wird.

Zwei konkurrierende Szenarien

Ihre Ergebnisse sichern die Wissenschaftler mit zwei Berechnungen ab, die einen alternativen Verlauf der Zinsen auf deutsche Staatsanleihen zugrunde legen. Einmal nahmen die Wissenschaftler einfach die vor der Krise üblichen Zinssätze für Deutschland als Grundlage. Im zweiten Fall errechneten sie aufgrund der Wirtschaftsentwicklung Zinssätze, wie sie ohne Krise wahrscheinlich gewesen wären. Mit beiden Annahmen kommen die Autoren der Studie aber in etwa zum selben Ergebnis: Deutschland hätte für seine Staatsanleihen etwa drei Prozent mehr Rendite zahlen müssen als in der Realität.

Nicht berücksichtigt wurde in der Studie allerdings, wie sich die Krise auf die wirtschaftliche Entwicklung ausgewirkt hat. So könnte die Krise etwa negativ den Export beeinflusst haben. Gleichzeitig kann ein schwacher Euro aber auch die Außenwirtschaft unterstützen. Auch andere Folgen der Krise wie sinkende Investitionen, die Stärkung der Wirtschaft durch Zuwanderungen aus Südeuropa oder auch negative Zinseffekte für deutsche Sparer mit Tagesgeldkonten oder Rentenversicherungen wurden in der Studie nicht berücksichtigt.