Straßenszene in Athen © Alkis Konstantinidis/Reuters

Es ist eine riesige Summe, über die die Abgeordneten des Deutschen Bundestags am Mittwoch abstimmen. Insgesamt 86 Milliarden Euro soll Griechenland im Zuge des dritten Rettungsprogramms bis 2018 erhalten. Und vielleicht werden es sogar noch mehr: Weitere sechs Milliarden Euro könnten hinzukommen, berichtet die Süddeutsche Zeitung am Dienstag. Die Zeitung beruft sich dabei auf Berechnungen aus dem Bundesfinanzministerium.

Woher kommt dieser riesige Finanzbedarf? War man doch zu Beginn des Jahres davon ausgegangen, dass Griechenland nach erfolgreichem Abschluss des zweiten Programms nur noch geringe Hilfen benötigen wird – vielleicht 15, allenfalls 20 Milliarden Euro. Warum ist diese Summe noch einmal so sprunghaft angewachsen? Und wohin fließt das neue Geld?

Für den größten Teil der Summe gilt Ähnliches wie schon beim ersten und zweiten Hilfspaket: Das Geld wird benötigt, um Altschulden abzulösen und die Zinsen für die noch laufenden Kredite zu bezahlen. Nach Berechnungen der EU-Kommission muss Griechenland bis 2018 dafür insgesamt 53,7 Milliarden Euro aufwenden. Knapp 36 Milliarden fließen in die Rückzahlung von Altkrediten und knapp 18 Milliarden Euro werden an Zinsen fällig.

Rückkehr an Kapitalmarkt in weite Ferne gerückt

Die Samaras-Regierung hatte noch gehofft, einen Teil dieser Schulden durch die Ausgabe neuer Staatsanleihen begleichen zu können. Im Jahr 2014 war Griechenland die Rückkehr an den Kapitalmarkt gelungen, private Investoren liehen dem Staat zumindest kurzfristig und zu vertretbaren Zinsen wieder Geld. Nach dem zähen Verhandlungsmarathon der vergangenen Monate und dem Beinahe-Grexit ist von diesem Vertrauen nicht mehr viel übrig. So bald dürfte es Griechenland nicht gelingen, sich wieder Geld am Kapitalmarkt zu leihen.

Nun müssen die alten Schulden, vornehmlich beim Internationalen Währungsfonds (IWF), der Europäischen Zentralbank (EZB) und privaten Gläubigern, mit neuen ESM-Krediten abgelöst werden. Die Zinsen für die alten Kredite sind teilweise recht hoch, die Laufzeiten kurz. Über den Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) bekommt Griechenland das Geld dagegen günstiger.

Je länger die Kredite liefen und je niedriger die Zinsen seien, desto leichter werde es für Griechenland, diese auch langfristig zurückzuzahlen, sagt der Ökonom Horst Löchel von der Frankfurt School of Finance and Management. Dies sei dann praktisch schon ein Schuldenschnitt. Einen klassischen Haircut, also die Reduzierung der gesamten nominalen Schuldenlast, lehnt Deutschland weiterhin ab. Nach Ansicht der Bundesregierung würde dies gegen die Europäischen Verträge verstoßen und sei deshalb nur im Falle eines Grexits möglich. Der IWF hält ihn dagegen für notwendig.

Offen ist deshalb auch, ob sich der Fonds überhaupt an der Finanzierung beteiligt. "Das hängt vor allem davon ab, wie viel Erleichterung die neuen Konditionen für Griechenland bringen", sagt Löchel. Nur wenn der IWF glaube, dass die Schuldenlast Griechenlands langfristig tragfähig sei, könne er sich auch finanziell engagieren.

Zunächst soll in der zweiten Jahreshälfte geprüft werden, ob Griechenland sich auch an die Reform- und Sparauflagen des Programms hält. Erst dann soll über Schuldenerleichterungen verhandelt werden. Und auch erst dann wird der IWF entscheiden, ob er er sich an der Finanzierung beteiligt. Die Überprüfung dient auch dazu, die Höhe der weiteren Tranchen festzulegen, die an die Griechen in den kommenden Monaten und Jahren ausgezahlt werden. Nach dieser Methodik verfuhren die Gläubiger auch beim ersten und zweiten Rettungspaket.

Insgesamt 25 Milliarden Euro fließen an die griechischen Banken, um sie zu rekapitalisieren. Auch dieses Geld wird nicht in voller Höhe und sofort ausgezahlt. In einem ersten Schritt erhalten die Institute zehn Milliarden Euro. "Die griechischen Banken können kaum Kredite mehr vergeben, weil ihr Kapital dazu nicht mehr ausreicht", sagt Finanzwissenschafter Löchel.

Der Grund: Die Zahl der faulen Kredite ist in den vergangenen Monaten nochmals deutlich gestiegen. Die Wirtschaftskrise macht es vielen griechischen Unternehmen schwer, ihre Verbindlichkeiten zu bedienen. Das belastet die Bilanzen der Banken und führt auch zu einer vorsichtigeren Kreditvergabe. Um die griechische Wirtschaft zu stabilisieren und Wachstum zu ermöglichen, sind jedoch Investitionen und Kredite notwendig. Dieser Teufelskreis soll durchbrochen werden, indem die Kreditinstitute frisches Kapital erhalten.

Was bleibt für die Bürger und den griechischen Staat? Kaum etwas. 4,5 Milliarden Euro sind dafür vorgesehen, die Staatsreserven wieder aufzufüllen. Da seit August 2014 keine Hilfsgelder mehr ausgezahlt wurden, hatte Athen aus allen erdenklichen Quellen Geld zusammengekratzt, um seine Schulden – unter anderem beim IWF – zu begleichen. Kommunen und Sozialkassen wurden aufgefordert, der Syriza-Regierung ihre Reserven zu überlassen. Diese Lücken sollen nun mit ESM-Geldern geschlossen werden. Die Griechen dürften angesichts dessen vom dritten Hilfsprogramm vor allem eins spüren: die vereinbarten Sparmaßnahmen.

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