Das Herz der weltweiten Atomindustrie liegt in Muronan, einer unspektakulären Industriestadt mit 100.000 Einwohnern im Süden der japanischen Insel Hokkaido. Hier wird etwas gefertigt, was sonst niemand auf der Welt kann: Mit einer 14.000 Tonnen–Presse schmiedet Japan Steel Works in Muronan eine Schlüsselkomponente für die Atomindustrie, den sogenannten Druckbehälter. Er wird in nur einem Stück produziert, ohne Schweißnähte.

Das riesige Stück Stahl ist extrem begehrt, die neue, dritte Generation von Atomreaktoren, wie etwa der französische EPR-Reaktor von Areva, braucht genau dieses Monstrum aus Muroran aus Japan. Keine Schweißnähte bedeutet mehr Sicherheit. Dafür nehmen die Käufer des Stahlkolosses auch monatelange Lieferverzögerungen in Kauf.

Wer Atomkraftwerke bauen will, der kommt um Japan nicht herum. Die japanischen Konzerne Hitachi, Toshiba und Mitsubishi Heavy Industries gehören zu den wichtigsten Ausrüstern von Atomkraftwerken. Sie sind wiederum eng mit Unternehmen in den USA verbandelt. Der japanische Toshiba-Konzern kaufte etwa im Jahr 2006 den amerikanischen Atomkonzern Westinghouse für 5,4 Milliarden US-Dollar. Und Hitachi wiederum kooperiert seit Jahren mit General Electric, dem Siemens der USA.

Das Neubaugeschäft von Meilern ist so teuer und aufwändig, dass sich weltweit noch vier Unternehmen in dem Bereich tummeln: Areva aus Frankreich, Westinghouse/Toshiba, die Russen (Rosatom) und China (China National Nuclear Company). Der deutsche Siemens-Konzern hatte sich nach dem Atomunglück von Fukushima im März 2011 aus dem Neubaugeschäft verabschiedet, allerdings liefern die Münchner weiterhin Teile für AKW, die auch in konventionellen Kraftwerken zum Einsatz kommen, etwa Dampfturbinen. 

Ihr Geschäft ist aber weltweit rückläufig. Viele Länder haben mit extremen Problemen und Verzögerungen auf den AKW-Baustellen zu kämpfen. Das Unglück von Fukushima hat Investoren verunsichert und der Boom der erneuerbaren Energien hat die Strommärkte gehörig durcheinandergewirbelt. Weltweit zögern Investoren, Regierungen und Bürger mit dem Bau von Kernkraftwerken. Die Aktie des französischen Areva-Konzerns ist etwa in den vergangenen Jahren stark gefallen. Die Rating-Agentur Standars & Poor's bewertet sie inzwischen gar als spekulatives Papier. 

Im Jahr 2010, dem Jahr vor Fukushima, begannen weltweit noch Bauarbeiten für 15 Atomkraftwerke. Im vergangenen Jahr waren es nach Angaben des branchenkritischen World Nuclear Reports nur noch drei. Der Bau muss auch immer stärker staatlich subventioniert werden. Jüngstes Beispiel: das AKW Hinkley Point C in Großbritannien. Der Betreiber EdF aus Frankreich ließ sich für viele Jahre so hohe Kilowattstundenpreise gesetzlich zusichern, dass inzwischen konkurrierende Stromanbieter vor dem Europäischen Gerichtshof wegen Wettbewerbsverzerrung klagen.

Und eine Atom-Renaissance ist nicht in Sicht: Der World Nuclear Report, den der Atomexperte Mycle Schneider mit Unterstützung der Heinrich-Böll-Stiftung jährlich publiziert, listet weltweit 18 Atommeiler der modernen Generation 3 auf, die zurzeit gebaut werden. Die Nase vorne haben die Japaner: Das Reaktormodell AP 1000 von Westinghouse-Toshiba wird auf gleich acht Baustellen gebaut, darunter – kaum überraschend – auch auf den drei in den USA.

Abhängig von japanischem Know-how

Umso größer war die Sorge in den USA, dass sich Japan aus der Atomkraft verabschiedet. Die USA sind abhängig vom japanischen Know-how. In keinem anderen Land der Welt sind mehr Atommeiler am Netz – aktuell sind es 99. Entsprechend einflussreich ist die Atomlobby in den USA. Glaubt man Schneider, dann ist es ein offenes Geheimnis, dass sich US-Spitzenpolitiker schon kurz nach dem Atomunglück von Fukushima dafür einsetzten, dass Japan an der Atomkraft festhält. Wie sollten sonst japanische Unternehmen wie Toshiba-Westinghouse ein Produkt glaubhaft verkaufen, an das die eigene Regierung nicht mehr glaubt? "Das Signal eines japanischen Atomausstiegs wurde als Katastrophe für die amerikanische Atomindustrie gesehen", sagt Schneider.

Und tatsächlich, die konservative Regierung unter Ministerpräsident Shinzo Abe hat die Kehrtwende hingelegt: Am Dienstag ging zum ersten Mal nach fast vierjähriger Pause ein japanisches Atomkraftwerk wieder ans Netz. Mit Erleichterung reagierte die Atomlobby darauf, schließlich sei die japanische Atomindustrie ein wichtiger Teil der weltweiten Branche. "Die weltweite Atomindustrie begrüßt vereint das Wiederanfahren des ersten Reaktors", sagte Agneta Rising, die Direktorin der World Nuclear Association am Dienstag.

Wenn man Schneider glaubt, wird die Freude aber nicht lange anhalten. Denn wenn eine Sparte in der Atombranche gerade eine große Zukunft habe, dann sei es das Geschäft mit dem Abriss von Atomkraftwerken. Die weltweite AKW-Flotte sei überaltert und in den wenigsten Fällen lohne sich noch eine Nachrüstung, die den aktuellen Sicherheitsstandards entspreche.