El Cacao heißt das 1.500 Hektar große Abenteuer, in das sich Schokoladenspezialist Ritter Sport vor drei Jahren gestürzt hat. Auf einem riesigen Areal in Nicaragua baut das Unternehmen eine eigene Kakaoplantage auf – eine der größten der Welt. Zurzeit forsten die Baden-Württemberger das Areal auf, zwischen Mango- und Mahagoni-Bäumen werden dann die Setzlinge gepflanzt. Nicht alles läuft perfekt: Zwischendurch ist ein Teil des Areals abgesoffen, ein anderer verdorrt. Dass die Kakaopflanze ein Sensibelchen ist, das musste man am Firmensitz bei Stuttgart erst einmal lernen. In zwei Jahren soll es die erste Ernte geben. Mittelfristig hofft das Unternehmen, rund ein Drittel des benötigten Rohkakaos von den eigenen Plantagen zu beziehen.

Der Zeitpunkt könnte nicht besser sein. Sicher, Ritter Sport betont, dass El Cacao ein langfristiges Projekt zur Qualitätssicherung sei. Man wolle nachhaltiger produzieren und die Lieferkette transparenter machen. Zu undurchsichtig seien die verschiedenen Stufen vom Feld bis ins Supermarktregal, teilweise wechsele eine Tonne Kakao auf dem Papier erst einmal zehn Mal den Besitzer, bevor sie tatsächlich physisch geliefert werde, klagt Ritter Sport.

Vor allem aber will sich das Unternehmen unabhängiger machen – von Kakaohändlern, Spekulanten und den Rohstoffbörsen. Denn die haben in den vergangenen Monaten prächtig an der kleinen Bohne verdient. Von einer Preisrallye sprechen schon die Fachleute. Im Juli wurde eine Tonne Kakao nach Angaben der Internationalen Kakaoorgansation ICCO für mehr als 3.325 Dollar gehandelt, so viel wie seit vier Jahren nicht mehr. Innerhalb von zehn Jahren hat sich der Preis mehr als verdoppelt.

Der Grund ist simpel: Die Welt liebt Schokolade – und zwar immer mehr. Asien könnte bald sogar so schokoladenbegeisterte Regionen wie Nordamerika überholen, schätzt die ICCO. Die neue Mittelschicht in China entdeckt nicht nur Fleisch für sich, sondern auch Schokolade. Für China und Indien prognostiziert die ICCO ein jährliches Wachstum von knapp acht Prozent – während der Weltmarkt im Schnitt nur um zwei Prozent zulege.

Um diesen Bedarf zu decken, müsste die Produktion um mindestens 600.000 Tonnen jährlich wachsen, schätzt der Kakaoverein aus Hamburg, in dem sich die wichtigsten deutschen Händler zusammengeschlossen haben. Solche Wachstumsraten sind allerdings für die zwei weltweit größten Kakao-Lieferanten, die Elfenbeinküste und Ghana, kaum zu stemmen. Die Landwirtschaft ist in diesen Ländern viel zu kleinteilig, die politische Lage zu instabil, die Infrastruktur zu schlecht. 

Hinzu kommt, dass immer mehr Spekulanten die kleine Bohne als lukratives Investment entdeckt haben. Kakao ist ein exklusiver Rohstoff, gerade einmal vier Millionen Tonnen werden jährlich gehandelt – bei Weizen sind es mehr als 600 Millionen Tonnen. Und Dank der hohen Preise werden im internationalen Kakaogeschäft mittlerweile rund zwölf Milliarden Euro umgesetzt. Das lockt die Spieler an.      

Spekulanten treiben die Preise

Der Hamburger Kakaoverein spricht in seinem aktuellen Geschäftsbericht von einem "starken Einfluss von spekulativen Finanzanlegern auf dem Kakaomarkt".  Sei im Jahr 2001 noch das Zwölffache der Welternte an den Kakaobörsen in New York und London gehandelt worden, so sei es im vergangenen Jahr bereits die 27-fache Menge gewesen – ein klares Zeichen, dass Spekulanten am Werk seien. Das treibt die Preise hoch.

Bei den weltweit 5,5 Millionen Kakaobauern kommt indes nur ein Bruchteil der gestiegenen Kakaopreise an. Sie sind das schwächste Glied der Kette und kaum organisiert. Ihnen stehen zwei internationale Großkonzerne gegenüber: Barry Callebaut aus der Schweiz und der amerikanische Cargill-Konzern. Nach zahlreichen Fusionen und Übernahmen haben sie inzwischen den Markt für Industrieschokoladen unter sich aufgeteilt, sie stellen mehr als 70 Prozent her. So viel Marktmacht verschlechtert die Verhandlungsposition der Kleinbauern, befürchten Entwicklungsorganisationen. 

Gerade in Westafrika sind es oft sehr kleine Plantagen, die von Familien bewirtschaftet werden. In Ghana erhalten die Bauern zwar einen staatlich festgelegten Preis von umgerechnet 1.500 Dollar je Tonne. Aber der Preis wird immer für ein ganzes Jahr festgelegt; steigt der Weltmarktpreis wie aktuell, bekommen die Bauern davon nichts ab. Und Initiativen, die den Bauern höhere Preise versprechen, wie beispielsweise Fairtrade, haben nur einen sehr geringen Marktanteil. In Deutschland liegt er gerade einmal bei zwei Prozent. Die Süßwarenbranche bewege sich viel zu langsam, klagt man bei Fairtrade.

Kinderarbeit nimmt sogar zu

Für die Kakaobauern bleibt trotz der steigenden Preise nicht viel übrig. Nach Angaben der Entwicklungshilfeorganisation Südwind verdient ein Kakaobauer von der Elfenbeinküste gerade einmal 50 Dollar-Cent am Tag. Um die international definierte Armutsgrenze von zwei US-Dollar pro Tag zu erreichen, müsste sich ihr Pro-Kopf-Einkommen vervierfachen. Die bisherigen Initiativen für mehr Nachhaltigkeit würden sich viel zu sehr darauf konzentrieren, die Produktivität der Bauern zu steigern, kritisiert Friedel Hütz-Adams von Südwind. "Dabei brauchen wir viel mehr eine Diskussion darüber, wie hoch die Nettoeinkommen der Bauern sein müssen, damit sie ein menschenwürdiges Leben führen können." 

Mehr als zwei Millionen Kinderarbeiter

Die geringen Einkommen erhöhen auch die Kinderarbeit in den Regionen. Erwachsene Erntehelfer kann sich kaum ein Farmer leisten, also müssen Kinder mit anpacken. Eine aktuelle Untersuchung der Tulane University aus New Orleans ergab, dass die Zahl der arbeitenden Kinder auf Kakaoplantagen in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen ist. Insgesamt arbeiteten in der Kakaoernte 2013/14 etwa 2,26 Millionen Kinder. Der Großteil von ihnen musste Arbeiten verrichten, die laut Vereinten Nationen für Kinder verboten sind: schwere Säcke schleppen und mit Macheten die Nüsse öffnen.

Das Fatale an der Lage ist: Je weniger die Kakaobauern verdienen, desto unattraktiver ist die Arbeit für sie. Sie können mit Kautschuk oder mit Jobs in der Stadt mehr Geld verdienen. "Alte Bäume, alte Männer", heißt es bereits in der Kakaoszene. Nach Informationen des Voice Networks, welches das industriekritische Kakaobarometer veröffentlicht, rechnet nur jeder fünfte Bauer in Ghana damit, dass seine Kinder die Kakaoplantage weiterführen. Weniger Bauern bedeutet aber zugleich weniger Ernte. Das wird das Angebot weiter verknappen und so die Preise in die Höhe treiben. Laut Kakaobarometer bleiben die Erlöse vor allem im Einzelhandel und beim Fiskus hängen. 

Am Ende aber ist es der Verbraucher, der die Entwicklungen zahlt. Eine Tafel Schokolade kostete im Supermarkt im Mai 14,1 Prozent mehr als noch im Vorjahr.       

Gründer einer Schokoladenmanufaktur in Berlin nehmen die Produktion komplett selbst in die Hand. Sehen Sie dazu dieses Video:

Anders Wirtschaften - Schokoladenmanufaktur baut ihren eigenen Kakao an