Wer Michael Gajo zuhört, bekommt eine Vorstellung davon, wie es sein muss, in zwei Welten zu arbeiten: dem Marokko der Politiker und dem der Bauern. Eben noch berichtet er von Berber-Frauen, die Nüsse zu Öl verarbeiten. Dann springt er zu Vulnerabilitätskriterien und Klimaanpassungsplänen, bevor er von Binnenfischern erzählt, die Fische aus Stauseen fangen und in der Nachbarschaft verkaufen.

Michael Gajo arbeitet für die deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Rabat, der Hauptstadt Marokkos. Er will dem Land helfen, sich auf den Klimawandel vorzubereiten. Das geht nur, wenn man ganz groß denkt. Und ganz klein.

Der Klimawandel wird eines der beherrschenden Probleme des kommenden Jahrhunderts werden – wer die Berichte des Rats der Klimaforscher (IPCC) liest, den überkommt Schrecken. Es wird wärmer werden, viel wärmer, Niederschläge werden sich verschieben, die Polkappen schmelzen und der Meeresspiegel wird ansteigen. Darüber herrscht Einigkeit. Nur ist Klimaforschung eine ziemlich komplexe Gleichung mit vielen unbekannten Variablen, die noch lange nicht vollständig aufgelöst ist. 

Mehr Menschen, weniger Landwirtschaft

Für den Mittelmeerraum, zu dem auch Marokko gehört, gilt zwar die gleiche Komplexität. Doch es gibt kaum eine Region auf der Welt, in der die Modelle und Szenarien der Klimaforscher so stark in einem übereinstimmen: Die Niederschläge werden sehr wahrscheinlich abnehmen. Bei ungebremstem Klimawandel würden die Temperaturen zudem steigen, in manchen äußerst extremen Szenarios für Nordafrika sogar um bis zu neun Grad Celsius bis zum Ende des Jahrhunderts. Wasser wird seltener verfügbar sein. Dafür könnten extreme Niederschläge häufiger werden. 

Die Wüsten werden sich ausbreiten; Landwirtschaft wird in manchen Gegenden unmöglich. Dazu kommt, dass Marokkos Bevölkerung wächst, aktuell etwa um 1,5 Prozent pro Jahr. Zudem steigt die Zahl von Einwanderern aus anderen afrikanischen Ländern.

Suche nach wirtschaftlichem Anschluss

"Der marokkanischen Regierung ist sehr wohl bewusst, dass da etwas Heftiges auf das Land zukommt. Aber was, weiß niemand genau. Deshalb versucht das Land, Anschluss an die entwickelten Länder zu finden", sagt Bernhard Lucke von der Universität Erlangen-Nürnberg. Der Geograf beschäftigt sich seit Jahren mit dem Klimawandel – allerdings dem der vergangenen zehntausend Jahre. In Marokko gab es schon immer Klimaveränderungen, die Sahara war etwa bis vor ein paar Tausend Jahren noch eine Graslandsavanne. "Aber es ist nicht so, dass die Bewohner nicht gelernt hätten, sich daran anzupassen", sagt Lucke. Er verweist auf die Nomaden, die auch unter marginalen Umweltbedingungen überleben können.

Im September wollen die Vereinten Nationen neue Entwicklungsziele verabschieden. Sie sollen auch für die reichen Industriestaaten gelten, nicht nur für die Armen – ein Paradigmenwechsel. Wir stellen jede Woche ein Ziel vor. Ein Klick auf das Bild bringt Sie zur Übersicht.

Die Nomaden können zwar keine Antwort geben auf die großen Fragen des Klimawandels. Aber sie sind ein Beispiel für das Kleine, nach dem auch Michael Gajo von der GIZ sucht. Er arbeitet etwa mit den Berbern zusammen, einer Volksgruppe, deren Mitglieder oft ein Leben abseits von Modernisierung und Technologie führen. Sie produzieren Öl aus den Nüssen des Argan-Baums, der nur im Atlas-Gebirge vorkommt und nirgendwo sonst. Die GIZ-Mitarbeiter halfen ihnen dabei, Kooperativen zu bilden und das Öl zu vermarkten. Für die Frauen haben die Bäume nun einen anderen Wert als zuvor, sie setzen sich für ihren Schutz ein. Wo Bäume sind, da wird die Ausbreitung der Wüste gebremst. Es ist einer der kleinen Schritte, von denen es sehr viele braucht, um das große Problem Marokkos zu lösen.

Das große Problem ist der Mangel an Wasser. Seit 1961 hat sich seine Bevölkerung fast verdreifacht, von 12 auf 35 Millionen. 57 Prozent davon leben heute in Städten und müssen ernährt werden. Doch die Landwirtschaft braucht Wasser – und die Reserven sind jetzt schon knapp. Auch ohne den Klimawandel werden viele afrikanische Länder ihre Vorräte schon vor 2025 übernutzen, schreibt der Weltklimarat IPCC. Besonders in Nordafrika.