Wer Armut in Amerika erleben will, muss meist nicht sehr weit fahren. In die Außenbezirke von St. Louis, Missouri, zum Beispiel, in den Rust Belt rund um die Auto-Stadt Detroit – oder in die Kleinstadt Syracus. Gerade mal 150.000 Einwohner leben in dem Ort rund 400 Kilometer nördlich von Manhattan. Kaum irgendwo ist die Spaltung in Arm und Reich und Schwarz und Weiß so eindeutig wie hier. 65 Prozent der afroamerikanischen Einwohner leben inzwischen in den ärmsten Gebieten der Stadt. Noch vor 15 Jahren waren es 43 Prozent.

Es hätten sich regelrechte Slums gebildet, warnen Experten angesichts der Zahlen. 13,8 Millionen Amerikaner leben derzeit in Gegenden mit extremer Armut, im Jahr 2000 waren es 7,2 Millionen. Zwischen 2000 und 2013 hat sich die Zahl fast verdoppelt. Noch nie, schreibt Paul Jargowsky, Politik-Professor an der Rutgers Universität, in einer aktuellen Analyse, sei die Zahl so hoch gewesen.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Als Millionen von Menschen im Zuge der Rezession überall im Land ihren Job verloren, zogen diejenigen weg, die es sich leisten konnten – und ließen Arbeiterfamilien zurück, deren Jobs in der Automobilindustrie gestrichen oder nach Übersee verlagert wurden. Wer eine neue Stelle finden konnte, blieb häufig weit unter dem bisherigen Einkommen und konnte sich das alte Leben nicht mehr leisten. Übrig blieben moderne Industrie-Wüsten wie Detroit, aus denen mit den wohlhabenderen Bewohnern auch die Steuergelder verschwanden. Den hoch verschuldeten öffentlichen Haushalten fehlte es an Ressourcen für öffentliche Sozialprogramme, die neue Chancen ermöglicht hätten.

Die Ghettoisierung der Armen

Doch die Ghettoisierung der Armen, sagt Myron Orfield, Direktor des Institute on Metropolitan Opportunity an der Universität von Minnesota, sei vor allem das Ergebnis eines Zusammenspiels von wirtschaftlichen Interessen, Diskriminierung und lokaler Politik. Viele wohlhabendere Gegenden erlauben den Bau von Sozialwohnungen von vornherein nicht oder machen es zur Auflage, dass ein Haus freistehend oder eine bestimmte Grundfläche haben muss. Eine schwarze Familie bekommt meist seltener einen Kredit, selbst dann, wenn sie mehr verdient als eine weiße. Und Gutscheine, die auf die Miete angerechnet werden und Familien mit niedrigen Einkommen mehr Wahlmöglichkeiten geben sollen, werden von vielen Vermietern nicht akzeptiert. All das ließe vielen keine andere Wahl, als sich in Gegenden mit niedrigem Durchschnittseinkommen zurückzuziehen – und lasse Ghettos auf beiden Seiten des Einkommensspektrums entstehen.

Die Verantwortlichen in der Politik und die großen Spieler der poverty housing industry – der Milliardenindustrie, die sich um die Entwicklung und den Bau von Sozialwohnungen entwickelt hat – haben das Problem über die Jahre verschärft. Dominiert wird der Markt von wenigen Unternehmen, die mit lokalen Politikern, Behörden und Organisationen um Aufträge und Steueranreize feilschen. LISC (Local Initiatives Support Corporation), einer der größten Anbieter am Markt, investierte seit 1980 landesweit rund 14,7 Milliarden Dollar in den Bau neuer Sozialwohnungen. Enterprise Community Partners, ein weiteres steuerbefreites Non-Profit-Unternehmen, steckte allein 2013 2,7 Milliarden Dollar in fast 17.000 neue Sozialwohnungen.