Ein kleiner Junge in einer Lebensmittelkammer in New York. Arme können hier kostenlos Nahrung erhalten. ©  John Moore/Getty Images

Wo ich lebe, ist es wunderschön. Alleghany County liegt mitten in den Blue Ridge Mountains von North Carolina. Hier gibt es Berge, Wälder, eine tolle Natur. Was es nicht gibt, sind Jobs.

Wir haben keine großen Unternehmen, keine Industrie, nichts dergleichen. Die Stellen, die angeboten werden, sind in der Regel schlecht bezahlt oder körperlich anstrengend. Oder beides. Man kann zum Beispiel einen Job bei Burger King finden, aber davon lässt sich keine Familie ernähren. Deshalb verlassen viele Einwohner die Gegend.

Es gibt zwar ein paar landwirtschaftliche Betriebe, zum Beispiel Farmen für Kürbisse oder Weihnachtsbäume. Dort sind viele Landarbeiter aus Lateinamerika beschäftigt. Offenbar geht es ihnen bei uns immer noch besser als bei sich zu Hause. Aber sie können nur während der Saison arbeiten. Danach ziehen sie weiter nach South Carolina oder nach Florida. 

Arm trotz Arbeit

Weil richtige Jobs so rar sind, müssen viele Familien mit wenig Geld klarkommen. Ihre Kinder haben oft nicht genug zu essen. Bei uns im Kreis Alleghany liegt der Anteil der Kinder, die von Hunger bedroht sind, der Hilfsorganisation Feeding America zufolge bei 28,6 Prozent; das entspricht 610 Kindern. In ganz North Carolina ist die Rate nur ungefähr halb so hoch. Dabei gehört unser Bundesstaat schon zu den Bundesstaaten, in denen überdurchschnittlich viele Familien Hunger leiden. Die USA produzieren doch mehr als genügend Nahrungsmittel. Aber anscheinend ist es schwer, sie gut zu verteilen.

Die Politik hat viele Programme, um die Armen zu unterstützen. Eines dieser Projekte, Women, Infants and Children, versorgt arme Mütter mit Lebensmitteln. Eine ausgewogene Ernährung ist für Vorschulkinder besonders wichtig. Arme Familien erhalten Food Stamps; das hilft. Und natürlich gibt es auch Arbeitslosengeld. Aber viele unserer Familien sind arm, obwohl sie zur Arbeit gehen. Sie haben zwei oder drei Jobs, um über die Runden zu kommen. Sie verdienen gerade so viel, dass sie keine Food Stamps mehr bekommen, und kämpfen um ihren Lebensunterhalt.

Im September wollen die Vereinten Nationen neue Entwicklungsziele verabschieden. Sie sollen auch für die reichen Industriestaaten gelten, nicht nur für die Armen – ein Paradigmenwechsel. Wir stellen jede Woche ein Ziel vor. Ein Klick auf das Bild bringt Sie zur Übersicht.

Dann gibt es Familien, die leben seit Generationen von staatlicher Hilfe. Das ist ein Teufelskreis: Ihre Kinder lernen von klein auf, dass sie nicht mehr vom Leben erwarten können.

Ich glaube fest daran, dass wir diesen Teufelskreis der Armut nur durchbrechen können, indem wir die Kinder erreichen. Wir müssen sie mit dem Notwendigsten versorgen: Essen, Kleidung, Unterkunft. Sie brauchen auch Bildung. Aber hungrige Kinder können nicht lernen, und wer nicht lernt, bleibt arm. Leider hat der Staat die Bildungsausgaben gekürzt, auch das behindert diese Kinder.

In Alleghany County haben sich mehrere Kirchengemeinden zusammengetan, um zu helfen. Wir haben eine Lebensmittelkammer, aus der wir bedürftige Familien mit Essen versorgen. Wir verteilen auch Feuerholz und helfen, wenn jemand seine Stromrechnung oder die Miete nicht bezahlen kann. Finanziert wird das aus Spenden von Privatleuten und Stiftungen oder mit öffentlichen Fördergeldern.

"Im Alter von elf Jahren beginnt die Scham"

Ich erinnere mich an einen kleinen Jungen, der nur ein Paar Schuhe hatte, und dieses Paar trug er nur in der Schule, um es zu schonen. Er lief im Sommer barfuß über den heißen Asphalt. Dann durfte er sich etwas aus der Spendenkammer unserer Kirche aussuchen. Er wählte kein Spielzeug, sondern ein Paar Schuhe seiner Größe. Als er aus der Tür trat, war er der glücklichste Junge der Welt.

Das Problem ist, dass nicht alle Familien unsere Lebensmittelkammer besuchen können. Alleghany County ist sehr ländlich, es gibt kaum öffentliche Transportmittel. Der Schulbus bringt die Kinder zur Schule – das heißt, sie erhalten wenigstens während der Schulzeit zwei kostenlose Mahlzeiten am Tag, ein Frühstück und ein Mittagessen. Für manche ist das Schulessen alles, was sie erhalten. An den Wochenenden und in den Sommerferien bekommen sie nichts.

Theresa March und drei ihrer freiwilligen Helfer: Chris Bates, Julian Castillo und John Cox (von links nach rechts). Die Bilder an der Wand haben Kinder gemalt, die von ihnen mit Essen versorgt werden. © privat

Deshalb packen wir den Kindern, die am stärksten gefährdet sind, immer freitags Rucksäcke mit Essen fürs Wochenende. Darin sind Milch, Saft, Früchte, Getreideflocken, Proteine, dazu kleine Leckereien, zum Beispiel Fruchtgummis. Etwa 200 Kinder bekommen so eine Unterstützung, die jüngsten sind vier Jahre alt.

Wenn sie so klein sind, freuen sie sich noch darüber. Aber wir haben bemerkt, dass sich das ändert, wenn sie ungefähr elf Jahre alt sind. Dann fühlen sie sich durch die Rucksäcke beschämt. Wenn die Kinder in dieses Alter kommen, packen wir ihnen keine Rucksäcke mehr.

Nicht allen sieht man die Armut an. Einmal traf ich ein Mädchen, gut gekleidet, sprachlich sehr gewandt und mit sehr guten Manieren. Sie kam in meine Kirchengemeinde, wo wir an den Wochentagen Sandwiches mit Erdnussbutter verteilten. Das war noch nicht sehr organisiert, wir schmierten einfach Sandwiches und warteten ab, wer kommen würde. Zweimal wöchentlich versuchten wir eine warme Mahlzeit auf den Tisch zu bringen. An den Wochenenden hatten wir geschlossen.