Um die 30 Grad heiß ist es tagsüber in Singapur, und zwar nicht nur an ein paar Tagen im Sommer, sondern das ganze Jahr über, und selbst dann, wenn zur Monsunzeit das Wasser nicht eimer-, sondern gleich badewannenweise aus den Wolken kippt. Ausgerechnet auf dieser kleinen, tropisch heißen Insel zwischen Malaysia und Indonesien wächst seit einigen Jahrzehnten eine der dichtesten und modernsten Städte der Welt. In den Himmel ragen immer neue, gigantische Büro- und Wohnungstürme für die wachsende Bevölkerung – derzeit sind es rund 5,5 Millionen.

Das Erfolgsgeheimnis des Stadtstaats beruhe vor allem auf einer Erfindung, sagte einmal der kürzlich verstorbene, autoritäre Gründungsvater und langjährige Premierminister Lee Kuan Yew: "Aircondition".

Unfassbare Energiemengen werden in Singapur täglich in die Klimaanlagen gespeist – eine gigantische Ressourcenverschwendung, wie die Architekten von Woha sagen. In einem für das Zentrum dieser Stadt relativ alten, niedrigen und von außen unscheinbaren Haus, das innen von einigen Zwischenwänden befreit wurde, liegt ihr Büro. Dutzende Architekten arbeiten hier auf drei Etagen. Die Luft wird auch durch den schattigen, mit Kletterpflanzen komplett begrünten Innenhof gekühlt, um den herum die Arbeitsräume gruppiert sind.

Gärten im Himmel, mit Vögeln und Insekten

Die Architekten Wong Mun Summ und Richard Hassell gründeten Woha 1994 und tauften es mit den ersten Buchstaben ihrer Nachnamen. Zuvor hatten sie beide vier Jahre lang für einen Architekten gearbeitet, der vor allem auf den Bau von Feriendörfern und Hotels im tropischen Asien spezialisiert ist. Seither haben sie zahlreiche Hochhäuser in Singapur und anderen Boom-Metropolen Südostasiens geschaffen, Arbeitsplätze und Wohnräume für Zehntausende Menschen. Doch sehen ihre Gebäude – ob Hotels oder öffentliche Wohnungsbauten – so ganz anders aus als die monolithischen Kästen der Kollegen.

Da ist zum Beispiel das Parkroyal Hotel in Singapur, ein grünes Gebäude mit vier Türmen, dessen Fassade immer wieder durch sogenannte Sky Parks durchbrochen wird. Diese Himmelsgärten sind mit tropischen Pflanzen begrünte Plateaus, die über jedem vierten Stockwerk schweben, hinauf bis auf das 89 Meter hoch gelegene Dach. Das Haus sieht so aus, als hätte der Urwald es halb zurückerobert. Die Grünflächen im und am Hotel erstrecken sich über satte 15.000 Quadratmeter. In den Bäumen und Sträuchern, die sich an die Fassade schmiegen, leben unzählige Arten von Vögeln und Insekten, mitten in der Stadt.

Vor allem verschatten und kühlen all die Gewächse das Gebäude. Die Erde der Himmelsgärten hilft zudem, während des Monsuns die gewaltigen Regenfälle aufzusaugen, auf dem Dach wird Regenwasser aufbereitet. Die Pflanzen am Haus sind allerdings so robust, dass sie sich über die meiste Zeit des Jahres selbst versorgen.

Im September wollen die Vereinten Nationen neue Entwicklungsziele verabschieden. Sie sollen auch für die reichen Industriestaaten gelten, nicht nur für die Armen – ein Paradigmenwechsel. Wir stellen jede Woche ein Ziel vor. Ein Klick auf das Bild bringt Sie zur Übersicht.

Zwar laufen in der Lobby weiterhin Klimaanlagen, und bei Bedarf auch in den Zimmern. Ganz konsequent ist diese grüne Architektur nicht. Doch wo immer es geht, wird gespart. Die Korridore zum Beispiel müssen nicht mehr mit Strom gekühlt werden, denn sie wurden nach außen verlegt. Man erreicht sein Zimmer durch Laubengänge mit Wasserbassins und Büschen. Kletterpflanzen schützen auch hier vor der Sonne, die Bäume und Sträucher dämpfen den Lärm der großen Stadt – aber den kühlenden Wind lassen die Pflanzen durch. Der urbane Dschungel ist eine Lowtech-Lösung für das Klimaproblem. Und er sieht auch noch sehr gut aus. Beim Blick aus dem Fenster in das üppige Grün oder wenn man in einem der Hochgärten am Laptop arbeitet, fühlt man sich sofort ein wenig erholt.

So wie Legionen von Kollegen überall auf der Welt arbeiten die Architekten von Woha schon eine ganze Weile an Ideen, wie man unsere Städte nicht nur schöner, sondern zugleich nachhaltiger im ökologischen, aber auch sozialen Sinn gestalten kann. Gebäudebauen, -bewirtschaften und -abreißen gehört schließlich zu den größten Verursachern des globalen Klimawandels – noch vor Transport und Viehzucht. Was in den Tropen die Klimaanlage, ist in nördlichen Regionen die Heizung – und auch um deren Einsatz zu verringern, finden die neuen grünen Architekten regional angepasste Lösungen. Das Experimentieren lohnt: Hunderte von zukunftsträchtigen Beispielen führt allein der World Atlas of Sustainable Architecture auf.

Kluge Tradition, modern umgesetzt

Einige Architekten konzentrieren sich bei ihren Weltverbesserungsmaßnahmen auf neue Hightech-Bautechnologien. Sie arbeiten mit Solarzellen in Fenstern und besonders sparsamen, weil komplex gesteuerten Klimaanlagen. Andere besinnen sich auf traditionelle und einfache Bauweisen und Materialien, mit denen sich die Menschen schon vor Jahrhunderten vor Regen und Sonne, Schnee und Kälte geschützt haben – und die nur wegen des billigen, alles gleichmachenden Öls in Vergessenheit gerieten.

Norman Foster stellt in der Wüstenstadt Masdar in Abu Dhabi Windtürme auf, wie sie schon vor Jahrhunderten von den Persern zur Kühlung errichtet wurden. Dafür hat er ein Luxusbudget zur Verfügung. Doch der Architekt Francis Kéré stattet auch seine einfachen Schulbauten aus Lehm in Burkina Faso mit so geschickt angeordneten Luftlöchern aus, dass die heiße Luft entweicht und dafür kühle angesogen wird. Das ist durchaus erfolgreich, es steigert die Konzentration, wie Lehrer erzählen.

Auch Woha hat eine Schule gebaut, die School of the Arts in Singapur. Hier funktioniert eine schräge Fassade aus Beton und Glas wie ein Trichter, der das Haus zur Windmaschine macht und den aufgestelzten Schulhof im Inneren des Gebäudes mit kühler Luft versorgt. Innenräume können in Wohas Häusern meist über einander gegenüberliegende Fenster quergelüftet werden.

Für einen anderen Wohnturm in Singapur hat das Team spezielle "Monsun-Fenster" konzipiert, die man auch bei extremen Regenfällen offen stehen lassen kann. Auch das ist ein Rückgriff auf alte Techniken, die in den luftig aufgestelzten und mit auskragenden Dächern versehenen Kampung-Häusern Malaysias seit Jahrhunderten erprobt sind.

Singapur ist eine der reichsten Städte der Welt, die Probleme der Bewohner hier würde ein Großteil der Menschheit gerne haben, geht es doch zuallererst um heiße Luft und Enge. Und doch sind Architekten wie Woha ein Vorbild auf dem Weg in eine nachhaltigere Welt, die eine Welt der hochverdichteten Städte sein wird. Sie experimentieren mit alten Techniken und neuen Formen und schaffen angenehm temperierte, strom- und wassersparende Gebäude, in denen die Nutzungen durchmischt werden und Büros neben Wohnungen und Hotelzimmern liegen. Gebäude, in denen das Innen vom Außen nicht hermetisch abgeriegelt ist, wo manchmal sogar Palmen auf Hochhausdächern wachsen und in denen sich nicht nur Menschen gerne aufhalten, sondern auch Vögel noch im 15. Stockwerk ihre Nester bauen. Diese Architekten leisten ihren Teil an der Rettung unserer Atmosphäre. Und das auch ästhetisch.

Stadtentwicklung - Erobert die Stadt zurück!