ZEIT ONLINE: Herr Minister, die neuen nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen sollen dafür sorgen, dass die Menschen überall in der Welt ein gutes Leben haben. Das klingt nach einer schönen Utopie – gerade jetzt, wo so viele auf der Flucht sind. Können die Ziele dazu beitragen, Fluchtursachen zu bekämpfen?

Gerd Müller: Sie spielen eine zentrale Rolle dafür. Wenn es uns gelingt, das Menschenrecht auf Leben zu garantieren, das Recht auf Gleichheit, Bildung, Gesundheit, Religionsfreiheit – dann wird niemand mehr genötigt sein, aus seinem Land zu flüchten.

Die Ziele zeigen, wie global vernetzt wir sind. Heutzutage kann niemand mehr sagen: Was in Lateinamerika oder Asien passiert, geht mich nichts an. Deshalb werden sich erstmals alle Staaten der Welt auf Ziele verpflichten, die für alle gelten. Auch für uns. Insofern ist auch Deutschland ein Entwicklungsland.

ZEIT ONLINE: Ist es realistisch, zu erwarten, dass sich das syrische Regime oder die Regierung Eritreas an die Nachhaltigkeitsziele gebunden fühlen?

Müller: Die Ziele berühren die 95 Prozent der Völker, die sich auf eine friedliche Zukunft konzentrieren. In Syrien ist das nicht der Fall, dort braucht man eine neue diplomatische Initiative der Vereinten Nationen für eine Waffenruhe. Ich hoffe, dass sich hier bei der UN-Vollversammlung am kommenden Wochenende in New York etwas bewegt.

ZEIT ONLINE: Es wäre nicht der erste diplomatische Versuch für Syrien, der scheitert.

Müller: Durch die Einigung im Atomstreit mit dem Iran bietet sich jetzt eine neue Chance. Wenn man sich am Iran-Format orientiert und die USA, Russland, Europa sowie die Regionalmächte einbezieht, könnte es der erste Schritt zu einer Waffenruhe und Schutzzonen sein. Die schwierige Ausgangslage für Verhandlungen mit Syrien zeigt, wie dringend wir auch an Konfliktprävention im Rahmen der neuen Entwicklungsziele arbeiten müssen.

Im September wollen die Vereinten Nationen neue Entwicklungsziele verabschieden. Sie sollen auch für die reichen Industriestaaten gelten, nicht nur für die Armen – ein Paradigmenwechsel. Wir stellen jede Woche ein Ziel vor. Ein Klick auf das Bild bringt Sie zur Übersicht.

ZEIT ONLINE: Die Nachhaltigkeitsziele fordern die Regierungen auch auf, sichere Migration zu ermöglichen. Die Europäische Union praktiziert das Gegenteil, wenn sie ihre Grenzen wieder stärker abschottet. Müssen wir sichere Routen für Flüchtlinge schaffen, wie es Entwicklungsländer schon lange fordern?

Müller: Wir müssen unterscheiden: In Syrien herrscht Krieg, und wenn der anhält, werden weitere Millionen die Region verlassen. Für Afrika liegt die Herausforderung darin, in Ausbildung und Entwicklung zu investieren und den Menschen Perspektiven zu eröffnen. Wir wissen, dass wir Hunger und Not besiegen und Krankheiten stoppen können. Wir müssen es nur wollen.

Wenn wir aber nichts tun, dann werden uns die Probleme überrollen. Schon jetzt sehen wir, dass Europa es nicht schafft, eine Million Flüchtlinge aufzunehmen und auf 28 Staaten zu verteilen.

ZEIT ONLINE: Aus Brüssel kam der Vorschlag, 1,5 Milliarden Euro für die Bekämpfung der Fluchtursachen in Afrika zu zahlen. Reine Symbolpolitik?

Müller: Es ist ein kleines Schrittchen, aber ja: Im Prinzip ist es Symbolpolitik. Europa erkennt die Dimension der Flüchtlingskrise nur nach und nach. Es gibt kein Gesamtkonzept, nicht einmal eine Koordinierung der Entwicklungspolitik in Brüssel. Jeder EU-Staat geht seinen eigenen Weg. So kommen wir nicht voran.

ZEIT ONLINE: Auch die deutsche Regierung handelt widersprüchlich. Der Krieg in Syrien ist die Hauptursache für Flucht und Vertreibung. Aber Deutschland liefert Waffen nach Saudi-Arabien, also in die Krisenregion, und befeuert damit die Gewalt.

Müller: Deutschland liefert Waffen nur nach einer sehr restriktiven Kontrolle und nicht für aggressive Handlungen.

ZEIT ONLINE: Das lässt sich kaum garantieren. Die nach restriktiver Kontrolle exportierten Waffen landen später womöglich doch beim "Islamischen Staat".

Müller: Ich würde mir auch eine Welt ohne Waffen wünschen. Aber die Realität ist eine andere. Wenn ich, wie bei meiner Reise in den Nordirak, vor vergewaltigten Jesidinnen sitze, die mir aus den Lagern berichten, in denen ihre Mütter und Schwestern immer noch gefangen sind, und sie mich anflehen: Helft, helft, helft! Dann kann ich nicht einfach sagen, dass es nicht infrage kommt, dass man sie mit Waffengewalt befreit. In bestimmten Extremsituationen hilft nur Gegendruck.