Sie sind jung und suchen Arbeit. Ein Flüchtling lernt Deutsch im Integrationskurs. © Marijan Murat / dpa

Bisher war viel von Überalterung und Schrumpfung die Rede, wenn es um Deutschlands demografische Zukunft geht. Die Alten werden immer älter, die Jungen bekommen zu wenige Kinder. Eine riesige Herausforderung für die deutschen Sozialsysteme.    

Doch inzwischen hat sich das Bild komplett geändert. Auf einen Schlag kommen sehr viele Menschen nach Europa – und sie sind mehrheitlich jung: Knapp 80 Prozent aller Flüchtlinge, die in diesen Tagen die EU erreichen, sind jünger als 35 Jahre. Menschen, die älter als 50 Jahre sind, muss man fast mit der Lupe suchen. Insgesamt, so hat die Statistikbehörde der Europäischen Union errechnet, drücken die Asylsuchenden den Bevölkerungsschnitt in der EU um 6,5 Jahre von durchschnittlich 41,2 Jahren auf 34,7 Jahre. 

So jung war Europa schon lange nicht mehr.

Den Behörden fehlen Daten zur Qualifikation

Vor allem diejenigen, die sich aus afrikanischen Bürgerkriegsgebieten nach Deutschland retten, sind oft gerade erst erwachsen geworden. Wer es aus Eritrea nach Deutschland schafft, ist laut den Zahlen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf) in aller Regel zwischen 18 und 25 Jahren alt, häufig erst 17 bis 19. Syrer – die den größten Teil der Flüchtlinge stellen – sind im Schnitt ein paar Jahre älter, zwischen 20 und 29 Jahre alt. Die Balkan-Flüchtlinge wiederum bringen, verglichen mit den Zuwanderern aus anderen Herkunftsländern, sehr oft kleine Kinder mit.

Die Neuankömmlinge sind also nicht nur sehr jung. Mehr als zwei Drittel von ihnen sind auch im arbeitsfähigen Alter, sagt die Statistik. Das freut besonders Volkswirte, die sagen, dass die zusätzlichen Arbeitskräfte das deutsche Rentensystem entlasten würden. Arbeitgeberverbände, Unternehmernetzwerke und Industrie- und Handelskammern versprechen sich von den Zuwanderern, dass sie die Lücken auf dem Arbeitsmarkt schließen, die der demografische Wandel reißt. Es fehlt insbesondere an Ingenieuren und Fachkräften im Gesundheits- und Pflegebereich.

Doch können die Flüchtlinge wirklich dieses Loch stopfen? Noch sind die Wirtschaftsforschungsinstitute da uneins. Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung ist optimistisch. "Migranten könnten mithin dazu beitragen, dass sich die Wachstumsperspektiven Deutschlands verbessern", schrieben die RWI-Forscher in ihrer Herbstprognose.
Das Ifo-Institut in München ist dagegen skeptisch und warnt, dass Einwanderung zu einem Verlustgeschäft werden könnte. "Deutschland zieht nicht gerade die am besten ausgebildeten Migranten an", urteilt Ifo-Chef Hans-Werner Sinn.

Wer nun recht hat, lässt sich kaum eindeutig beantworten. Denn es gibt noch eine andere Lücke – sie klafft in der Statistik. Bisher erfasst keine Behörde zuverlässig, welche schulische und berufliche Qualifikation die Menschen haben, die hier Asyl suchen.

Immerhin verfügt das Bamf über die freiwilligen Angaben der Flüchtlinge. Doch Schul- und Berufsausbildungen aus anderen Ländern sind nur bedingt mit den deutschen Standards vergleichbar. Das grobe Bild sieht so aus: Von den Neuankömmlingen hat fast ein Fünftel mindestens ein angefangenes Universitätsstudium vorzuweisen. Jeder Dritte hat eine Berufsausbildung, die einem hiesigen Facharbeiter entspricht, und immerhin 88 Prozent haben eine Schule besucht.