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Der Moment, in dem das Regelwerk Dublin II zerbrach, war ein großer Augenblick der Zivilgesellschaft, der ganz normalen Bürgerinnen und Bürger. Als am Montag die ungarischen Sicherheitskräfte die Flüchtlinge am Keleti Bahnhof von Budapest nicht weiter aufhielten, sondern einfach die Züge besteigen ließen, da strömten sofort Hunderte Wiener zum Westbahnhof. Der Supermarkt im Untergeschoss des Bahnhofes war schnell leergekauft. Die österreichische Staatsbahn ÖBB schickte Sonderzüge zur Grenze, um die Insassen der überfüllten ungarischen Züge zu übernehmen. Als die ersten Züge aus Wien eintrafen, hatten sich wie aus dem Nichts bereits Übersetzerteams gebildet. Die Aufgaben waren verteilt, alles lief wie am Schnürchen. Caritas, Bahn, freiwillige Helfer, Rotes Kreuz, sie haben seither am Westbahnhof das Sagen.

Ein Großteil der Fliehenden zog nach München weiter, wo sich die Szenen wiederholten – Szenen der Hilfsbereitschaft, der offenen Arme.

Europa versagt – und Europa triumphiert zugleich.

Es versagt das Europa der Eliten mit ihren unpraktikablen und unsolidarischen Regeln und ihrer Unfähigkeit, menschlich zu reagieren. Dublin II ist in seiner bürokratischen Absurdität nur das Chiffre dieses Versagens. Man weiß gar nicht, wo man beginnen soll angesichts dieses abstoßenden Regelwerks: Bei der Bestimmung, dass Verfolgte hier um Asyl bitten können, Fluggesellschaften aber alle Kosten zu tragen haben, wenn ein Nicht-Asylberechtigter von ihnen hierher geflogen wird. Was praktisch heißt: Keine Fluggesellschaft lässt Schutzsuchende an Bord. Menschen, die sich für 300 Euro ein Flugticket kaufen könnten, geben stattdessen 10.000 Euro für Schlepperbanden aus, um auf lebensgefährlichen Wegen an den Ort zu gelangen, an den um Asyl zu bitten ihr Recht ist.

Oder bei der absurden Regelung, dass die Asylverfahren im Schengen-Europa in jenem Land durchzuführen sind, in dem die Schutzsuchenden erstmals EU-Boden betreten. Es existiert aber kein Mechanismus zur Verteilung, so dass die Sorge um die Flüchtenden an den EU-Randgebieten hängen bleibt. Ein Regelwerk, das in der Praxis zur innereuropäischen Konkurrenz verkommt, wer sich am besten die Flüchtenden vom Hals hält.

Und selbst jene Nationen, die Fliehende in großer Zahl aufnehmen, wie Deutschland und Österreich, sind vom Abschottungsdiskurs der politischen Eliten geprägt. Deutschland hat beispielsweise Druck gemacht, die italienische Seenotrettungsaktion Mare Nostrum zu stoppen. Diese sei, so Innenminister Thomas de Maizière damals, "Beihilfe zur Schlepperei". Wenn die Fliehenden wüssten, dass sie gerettet werden, würde das den Anreiz, ein Schiff zu besteigen, verstärken, so die krause Logik. Im Umkehrschluss heißt das: Wenn viele ertrinken, dann ist der Anreiz für die anderen geringer, es ebenfalls zu versuchen. Natürlich würde Thomas de Maizière, würde man ihn heute fragen, das nicht so gemeint haben wollen.

© Carsten Koall/Getty Images
Glossar: Flüchtlinge

Glossar: Flüchtlinge

Dublin, Hotspot, sicherer Drittstaat? Die wichtigsten Begriffe zum Thema Flüchtlinge einfach erklärt

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Flüchtling, der

Im allgemeinen Sprachgebrauch jemand, der aus seiner Heimat geflohen ist. Doch rechtlich ist die Lage anders: Erst nach einem akzeptierten Asylantrag wird der Angekommene offiziell zu einem Flüchtling. Auf eine von drei Arten:

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Flüchtling

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Asyl nach Artikel 16a Grundgesetz

Politisch Verfolgte genießen in Deutschland Asyl. Das gilt aber nur, wenn es sich um Verfolgung durch den Staat handelt.

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Abgelehnt!

Die Asylanträge werden als "offensichtlich unbegründet" abgelehnt.

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Und ja, die britische und polnische Regierung benehmen sich noch schändlicher. Letztere würde sich wohl noch überfordert fühlen, wenn sie auch nur vier oder fünf Schutzsuchende aufnehmen müsste.

Ungarn soll zuständig sein?

Budapest, Keleti-Bahnhof, Mittwochnacht. Im Untergeschoss des Bahnhofes liegen Tausende Fliehende, Zelte, Schlafsäcke, Koffer, Rucksäcke. Ein riesiges Flüchtlingscamp mit geschätzt 3.000 Leuten. Die paar Handvoll Helfer im MigrationAid-Center, die die Spenden und Hilfsgüter sammeln und verteilen, sind heillos überfordert. Die hygienischen und gesundheitlichen Verhältnisse sind katastrophal. Kleinkinder und Babys, die auf dem Boden schlafen. Dieses Ungarn soll nach der Dublin-Regel für die Flüchtlinge zuständig sein? Wir reden in Europa über sichere Drittstaaten außerhalb der EU?

Man muss an diesem Bahnhof nur für ein paar Stunden vorbeischauen, um zu wissen, dass nicht einmal das EU-Mitglied Ungarn ein sicheres Land für die Hilfssuchenden ist. Immer wieder kommen Leute aus Wien vorbei – keine zweieinhalb Stunden braucht man mit dem Auto hierher. Und jeder hat eine Familie mit Kindern auf dem Rücksitz, wenn es wieder zurück nach Österreich geht. Legal ist das nicht. Aber egal. Am Sonntag ist sogar ein Autokonvoi von Wien nach Budapest geplant – augenzwinkerndes Motto: "Schienenersatzverkehr".

Es ist, als gäbe es zwei Realitäten: Auf der einen Seite das himmelschreiende Elend und die Regierungen, mit ihrer Abschottungspolitik und ihrer dysfunktionalen Asylpolitik. Auf der anderen Seite die Welle der Hilfsbereitschaft, der Aufstand der "freiwilligen Helfer". Die Berichte und Bilder von den Leuten, die anpacken. Die Hetzer und "Asylkritiker", sie kommen kaum mehr zu Wort. Auch ganz normale Menschen – nicht nur die, die man gemeinhin "Gutmenschen" nennt –, sind jetzt plötzlich stolz darauf, dass sich ihre Gesellschaft von seiner besten Seite zeigt. Plötzlich sind nicht mehr die Guten verzagt, denn die stärken sich in diesen Tagen auch gegenseitig, sondern die selbsternannten Miesmenschen werden auf einmal leise. Das Hetzen und das Ertrinkenlassen ist plötzlich nicht mehr cool.

Das eine Europa versagt. Und das andere zeigt sich von seiner besten Seite.