Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles prognostiziert Auswirkungen auf die Arbeitsmarktstatistik durch die Vielzahl der ankommenden Flüchtlinge. Nicht einmal jeder Zehnte bringe die Voraussetzungen mit, um direkt in eine Arbeit oder Ausbildung vermittelt zu werden, sagte die SPD-Politikerin. "Nicht alle, die da kommen, sind hoch qualifiziert. Der syrische Arzt ist nicht der Normalfall." Dies werde sich auch in der Arbeitslosenstatistik niederschlagen. Das sei dann kein Zeichen einer gescheiterten Arbeitsmarktpolitik, sondern ein Zeichen, "dass wir eine andauernde Aufgabe bewältigen müssen".

In der Bundestagsdebatte über den Haushaltsentwurf für ihr Ministerium unterstrich Nahles, dass sie in ihrem Etat 2016 voraussichtlich zusätzlich drei Milliarden Euro benötigen werde. Allein für den Lebensunterhalt von Flüchtlingen, die in Deutschland bleiben dürften, rechne sie mit Mehrausgaben von ein bis zwei Milliarden Euro. Für Programme zur Integration in den Arbeitsmarkt veranschlage sie 600 Millionen bis 1,1 Milliarden Euro. Für berufsbezogene Sprachkurse seien zusätzlich 180 Millionen Euro erforderlich.

Für Bürger aus Westbalkanstaaten, aus denen in den vergangenen Monaten viele Flüchtlinge kamen, plant Nahles ein jährliches Kontingent von bis zu 20.000 Arbeitsvisa. Notwendig sei jedoch ein Arbeits- oder Ausbildungsvertrag für Deutschland.  

Wirtschaftsministerium und Ökonomen sind davon überzeugt, dass Flüchtlinge und Einwanderung der deutschen Wirtschaft nutzen können. "Schaffen wir es, die Menschen, die zu uns kommen, schnell auszubilden, weiterzubilden und in Arbeit zu bringen, dann lösen wir eines unserer größten Probleme", sagte Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel. Der SPD-Politiker nannte die Aufnahme und Integration der vielen Flüchtlinge und Zuwanderer die wohl größte nationale Herausforderung seit der Wiedervereinigung. Die Firmen sollten deshalb eine Ausbildungsinitiative für Flüchtlinge und Asylbewerber starten. Hintergrund ist der herrschende Fachkräftemangel.     

Der Großbank UniCredit zufolge wird die deutsche Wirtschaftsleistung durch Flüchtlings und Einwanderung bis 2020 um etwa 1,7 Prozent wachsen. "Das entspricht einem Zuwachs von rund 50 Milliarden Euro, verglichen mit einem Szenario ohne zusätzliche Einwanderung", sagte Deutschland-Chefvolkswirt Andreas Rees. Er geht von einer Flüchtlingszahl von 800.000 für 2015 aus, in den Jahren danach jeweils rund 500.000.  

Merkel in Berliner Willkommensklasse

Mittel- bis langfristig dürften insbesondere die vielen jungen Zuwanderer die Sozialsysteme entlasten, sagen Forscher des Essener Wirtschafsforschungsinstituts RWI in ihrer Herbstprognose voraus. Dazu sei es allerdings nötig, sie in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Die Chancen sehen sie als gut: Die gestiegene Zahl offener Stellen zeige, dass es für Unternehmen schwierig sei, geeignete Arbeitskräfte zu finden. Auch das in Halle ansässige IWH-Institut erwartet positive Effekte. Die Zahl der erwerbsfähigen Menschen werde allein in diesem Jahr um 128.000 steigen.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach von der Notwendigkeit, Flüchtlinge schnell zu integrieren. Sie besuchte an der Ferdinand-Freiligrath-Schule in Berlin eine sogenannte Willkommensklasse, in der auch Kinder von Flüchtlingen lernen, die noch nicht so gut Deutsch sprechen. "Es lohnt sich, sich um jedes einzelne Kind zu bemühen", sagte sie im Stadtteil Kreuzberg. "Es gibt so viel Enthusiasmus bei den Kindern, so viel Bereitschaft zu lernen. Und wir wollen ihnen eine gute Zukunft geben." 

Mehr Geld für Ehrenamtliche

Sie sei "sehr beeindruckt" von der Arbeit der Lehrerinnen und Lehrer, insbesondere was die Vermittlung der deutschen Sprache und die Integration anbelange, sagte die Kanzlerin. Zuvor hatte sie eine Erstaufnahmeeinrichtung in Berlin-Spandau besucht.

Berlin - Selfies statt-Buhrufe bei Merkel-Besuch im Flüchtlingsheim Beim Besuch einer Asylbewerberunterkunft in Berlin ist die Bundeskanzlerin mit Applaus empfangen worden. Merkel dankte den Helfern.

Der Bund will 3,5 Millionen Euro zur Förderung der ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe zur Verfügung stellen. Mit den Mitteln werden in diesem und im nächsten Jahr Ehrenamtliche von den Spitzenverbänden der Freien Wohlfahrtspflege qualifiziert und Flüchtlingsprojekte vor Ort gefördert, wie die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz, sagte.