ZEIT ONLINE: Die Europäische Union hat beschlossen, eine Milliarde Euro zusätzlich für die Versorgung der Flüchtlinge in Syriens Nachbarländern zu geben. Tut der Westen genug, um zu helfen?

Rasmus Egendal: Es geht nicht um den Westen. Die Krise in Syrien und den Nachbarländern ist eine weltweite Angelegenheit, und jeder muss seinen Teil zur Lösung beitragen – auf allen Ebenen.
Wir erleben derzeit schwere Krisen in einem noch nie da gewesenen Ausmaß; im Irak, in Syrien, im Jemen, im Südsudan. Es sind massive Notlagen, in denen Millionen Menschen nur durch die Hilfe der Vereinten Nationen und anderer Organisationen überleben – und es ist völlig klar, dass wir noch auf Jahre hinaus Hilfe leisten müssen, nicht nur wenige Monate, wie etwa nach Naturkatastrophen. An einen Wiederaufbau ist in all diesen Ländern noch gar nicht zu denken.

ZEIT ONLINE: Reicht das Geld, um all die Menschen zu versorgen?

Egendal: Eindeutig nicht. Die Not wächst so schnell, dass wir gar nicht mehr hinterherkommen. Und sie ist so groß, dass die finanziellen Ressourcen einfach nicht ausreichen. Immer mehr Menschen brauchen Hilfe, und zugleich werden sie immer verwundbarer.

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie damit?

Egendal: Viele sind schon seit Jahren auf der Flucht. Ihre eigenen finanziellen Polster sind längst aufgebraucht. Zu arbeiten wird ihnen oft nicht gestattet, oder sie finden keinen Job. Diese Flüchtlinge sind in extremer Not, denn ohne fremde Hilfe haben sie nicht genug zu essen. Und wir sind im Moment nicht in der Lage, unsere Hilfe aufrechtzuerhalten. Das ist eine enorme Herausforderung. Bis zum Jahresende fehlen dem UN-Welternährungsprogramm (WFP) rund 237 Millionen Dollar.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet das konkret?

Rasmus Egendal ist als stellvertretender Direktor des UN-Welternährungsprogramms (WFP) zuständig für den Kontakt seiner Organisation zu Regierungen. Bis vor kurzem war er stellvertretender Nothilfe-Koordinator des WFP für Syrien und die Region. © Dina Elkassaby/WFP

Egendal: Wir mussten die Rationen kürzen. In Syrien unterstützen wir rund vier  Millionen Menschen. Im September haben wir etwa 360.000 von ihnen die Nahrungshilfe komplett streichen müssen, die anderen bekommen nur noch drei Viertel der ursprünglichen Menge. In Jordanien und Libanon helfen wir etwas mehr als einer Million Menschen. Dort erhalten mehr als 360.000 Menschen keine Lebensmittelkarten mehr von uns. Die Gutscheine, die noch ausgegeben werden, reichen nur noch für ungefähr die Hälfte dessen, was für eine ausreichende Versorgung nötig wäre. Das heißt: Viele hungern.

ZEIT ONLINE: Und vermutlich erreichen Sie viele Hilfsbedürftige in Syrien alleine aufgrund des Krieges gar nicht.

Egendal: In den vom "Islamischen Staat" kontrollierten Gebieten und in Städten, die belagert werden – egal, von welcher Kriegsfraktion – gibt es vermutlich eine halbe Million Menschen, die von keiner Hilfsorganisation erreicht werden. Und schätzungsweise zehn Millionen Menschen sind alleine in Syrien in einer prekären Lage, aber von Hilfe abgeschnitten. Vor einem Jahr hat eine Erhebung des Welternährungsprogramms ergeben, dass etwa die Hälfte der syrischen Flüchtlinge nicht sicher mit Nahrungsmitteln versorgt ist. Heute sind es 90 Prozent.

ZEIT ONLINE: Das Welternährungsprogramm warnt auch, die Flüchtlinge könnten auf der Suche nach Nahrung zu "gefährlichen Bewältigungsstrategien" greifen. Was ist damit gemeint?

Egendal: Sie tun Dinge, die ihnen kurzfristig helfen mögen, Essen auf den Tisch zu bekommen. Aber auf lange Sicht fügen sie sich noch mehr Schaden zu. Eltern hungern, damit ihre Kinder satt werden – und das heißt noch nicht, dass die Kinder ausreichend mit Nährstoffen versorgt sind. Kinder arbeiten, statt zur Schule zu gehen. Manche verkaufen ihr letztes Vermögen. Familien verschulden sich auf Jahre hinaus, nur um zu essen. Vielen ist heute schon klar, dass sie ihre Schulden nie zurückzahlen können.

ZEIT ONLINE: Brechen deshalb jetzt so viele auf in Richtung Europa?

Egendal: Dafür gibt es sicher mehrere Ursachen. Eine davon ist, dass offenbar vielen klar geworden ist, wie gering die Aussicht auf eine baldige Rückkehr nach Syrien ist. Wenn dann ihre Reserven aufgebraucht sind und sie in den Nachbarländern keine Aussicht haben, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen oder ihren Kindern eine bessere Perspektive zu geben, was bleibt ihnen da noch? Eine andere ist die mediale Berichterstattung, die einen Anreiz zum Aufbruch geben kann. Und schließlich haben die Schlepper mittlerweile relativ stabile Schmuggelstrukturen aufgebaut.

ZEIT ONLINE: Umso mehr stellt sich doch die Frage, ob die reichen Länder nicht viel früher hätten mehr Flüchtlinge bei sich aufnehmen müssen. Auch angesichts der Last, die Syriens Nachbarländer stemmen.

Egendal: Man hat eben sehr lange auf eine politische Lösung gehofft und darauf, dass die Menschen bald wieder nach Syrien zurückkehren – übrigens dachten das auch viele Flüchtlinge. Im Nachhinein ist es einfach zu sagen, alles sei absehbar gewesen.

ZEIT ONLINE: Wann waren Sie selbst das letzte Mal in der Region?

Egendal: Vor drei Wochen, in Jordanien.

ZEIT ONLINE: Was war für Sie die wichtigste Erkenntnis ihrer Reise?

Egendal: Zwei Dinge. Erstens, für die Flüchtlinge wäre es enorm wichtig zu wissen, dass sie sich auf unsere Hilfe verlassen können. Und im Moment ist es noch viel zu häufig so, dass sie erst am Monatsende von uns erfahren, ob sie weiterhin Nahrungsgutscheine bekommen – einfach, weil Nothilfe so funktioniert. So verlieren sie jede Zuversicht.

ZEIT ONLINE: Warum ist es für das WFP so schwierig, zuverlässiger zu helfen?

Egendal: Wir haben keine eigenen Geldquellen, sondern sind abhängig von dem, was die  Regierungen uns geben. Wenn wir diese Finanzhilfe auf eine langfristige Basis stellen könnten, wäre uns schon sehr geholfen. Dafür werbe ich derzeit, auch in Berlin.

ZEIT ONLINE: Mit Erfolg?

Egendal: Die deutsche Regierung hat schon viel getan. Deutschland hat 20 Millionen Euro für die syrischen Flüchtlinge zugesagt, weitere 10 Millionen sind im Gespräch. Der deutschen Regierung ist auch völlig klar, dass wir langfristige Planungssicherheit brauchen. Der Syrien-Konflikt wird sich nicht einfach so auflösen. Die Not der Menschen auch nicht.

ZEIT ONLINE: Sie sprachen von zwei Erkenntnissen ihrer Reise. Welches ist die zweite?

Egendal: Wie tief die Not mittlerweile ist. Die Nachbarländer tun sehr viel. Die lokalen Behörden helfen, die Einheimischen auch. Aber die Spannungen wachsen. Zwei Zitate illustrieren das. In einem Gespräch beschwerte sich eine Jordanierin darüber, dass die einheimischen Armen im Gegensatz zu den Flüchtlingen keine Unterstützung erhalten würden. Und eine Syrerin sagte mir, sie überlege, in ihr Land zurückzukehren, weil sie ihre Lage in Jordanien als vollkommen aussichtslos empfand. Sie sagte: Ich sterbe lieber schnell in Syrien, als hier langsam zu verhungern.