Das richtige Problem beginnt oft erst mit dem zweiten Schritt: Nach den ersten drei Monaten ihres Aufenthalts, wenn die Flüchtlinge nicht mehr verpflichtet sind, als Asylsuchende mit Hunderten anderen gemeinsam in Erstaufnahmeunterkünften zu leben. Wenn sie sich endlich eine eigene Wohnung suchen dürfen – finden sich sehr viele von ihnen im Pulk derjenigen wieder, die in den gefragtesten deutschen Städten dringend eine bezahlbare Wohnung suchen. So wie viele andere Großstädter auch.

Einige Städte spüren bereits deutlich, dass die Wohnungsnot noch größer wird: "Überall, wo es ohnehin schon schwierig ist, günstigen Wohnraum zu bekommen, wird es jetzt noch schwerer", sagt ein Sprecher des Deutschen Städtetages. Vor allem in den großen Metropolen Berlin, Hamburg, München, Köln, Frankfurt, Stuttgart und Düsseldorf, aber auch in kleineren Studentenstädten wie Freiburg und Nürnberg wird es eng. Zusätzlich zu den Wohnungssuchenden mit schmalem Budget und den Studenten müssen nun noch Tausende Flüchtlinge untergebracht werden. Und über den Preis lässt sich dieser Verteilungskampf kaum ausfechten: Keiner von ihnen kann viel bezahlen.

Schon jetzt fehlen bundesweit rund 200.000 bezahlbare Wohnungen, sagen Erhebungen des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln. Zwar fördert der Bund seit 2006 jährlich mit rund einer halben Milliarde Euro den sozialen Wohnungsbau. Dennoch wird die Zahl der Sozialwohnungen stetig immer kleiner, weil viele bezuschusste Wohnungen, die in den 1970er und 1980er Jahren gebaut wurden, jedes Jahr aus der Sozialbindung herausfallen und zu Marktpreisen vermietet werden können. Um die wenigen verbliebenen Sozialwohnungen buhlen Jahr für Jahr immer mehr Interessenten.

"Wir müssen vermeiden, dass gerade in Kommunen mit angespannten Wohnungsmärkten die Alleinerziehenden, Arbeitslosen oder Geringverdiener mit den Flüchtlingen um solche Wohnungen konkurrieren", mahnt der Städtetag als Vertretung der Kommunen. 

Leicht haben es all diese Gruppen derzeit bei Vermietern nicht. Arbeitslosen und Geringverdienern fehlen aus Sicht vieler Vermieter die Sicherheiten. Flüchtlinge bringen immerhin die Bescheinigung mit, dass die Ämter ihre Wohnkosten übernehmen. Das bürgt für sichere Mieteinnahmen. Doch manche können sich kaum verständigen, bringen oft nicht alle gewünschten Unterlagen mit und sind heillos überfordert, wenn sie bei einer Wohnungsbesichtigung komplette Bewerbungsmappen vorlegen sollen.  

"Bauen, Bauen, Bauen!"

"Es ist dringend geboten, neuen Wohnraum zu schaffen und zwar schnell", erklärt der Städtetag deshalb, "unser Appell ist daher: Bauen, Bauen, Bauen!" Städte wie München oder Berlin durchforsten derzeit ihre Liegenschaften und überlegen fieberhaft, wo es noch brachliegende Standorte gibt; und auch die Kirchen stellen Grundstücke bereit. Doch in erster Linie kümmern die Kommunen sich um Plätze für zusätzliche Erstaufnahmeunterkünfte. Mit Provisorien alleine aber ist dem Drittel der Asylbewerber nicht geholfen, die auf Dauer hierbleiben können. Es müssen richtige Wohnungen her.

Allein und auf die Schnelle können die Kommunen sie kaum bauen. Sie fordern, dass Bund und Länder den sozialen Wohnungsbau finanziell stärker unterstützen sollen als mit der üblichen halben Milliarde Euro im Jahr. Bundesländer wie Bayern haben schon zugesagt, geförderten Wohnraum üppiger zu bezuschussen, mit rund 300 Euro pro Quadratmeter. Auch Rheinland-Pfalz hat ein Sonderprogramm Wohnraum für Flüchtlinge aufgelegt. Und Nordrhein-Westfalen lockt mit Sonderkrediten von der Förderbank: Privatleute, die neu bauen oder bestehende Wohnungen und Einfamilienhäuser herrichten, bekommen Kredite für null Prozent Zinsen. Im Gegenzug müssen sie sich verpflichten, den Wohnraum später für 15 oder 20 Jahre tatsächlich an Flüchtlinge zu vermieten. 

Flott wird all das trotzdem nicht gehen. Bis in den Boomstädten bezahlbare Wohnungen in größerer Menge gebaut sind, wird es Monate dauern, womöglich Jahre.

Abseits der Ballungszentren stehen dagegen Tausende Wohnungen leer. In Sachsen-Anhalt etwa melden Wohnungsbaugesellschaften, dass sie mehr als jede zehnte Wohnung nicht vermietet bekommen. In Brandenburg, also im Berliner Umland, ist es immerhin jede zwölfte. Könnte man nicht Flüchtlinge hier unterbringen?