Einkaufsstraße in Athen © Yorgos Karahalis/Reuters

Noch im Sommer waren sich die Ökonomen einig: Mit all dem politischen Chaos habe Ministerpräsident Alexis Tsipras der Wirtschaft im ersten Halbjahr einen ordentlichen Unsicherheitsschub verpasst. Die Grexit-Sorge und die Angst vor einem Staatsbankrott gingen wieder um. Gift für die Konjunktur.

Bloß: Die Zahlen erzählen eine andere Geschichte. Um 0,9 Prozent wuchs die griechische Wirtschaft im zweiten Quartal. Im Vergleich zum Vorjahr waren es sogar 1,6 Prozent – dabei hatten Ökonomen sogar ein Minus erwartet. Das wirkt sich auch auf die Kalkulation für das ganze Jahr 2015 aus. Anfang August war die EU-Kommission noch davon ausgegangen, dass es einen Rückgang in der Wirtschaft um 2,3 Prozent geben wird. Angesichts der guten Entwicklung im Frühjahr rechnen Ökonomen in Griechenland aber nun mit einem Minus von etwa 1,5 Prozent.

Wie kann das sein? Die Bürger hatten doch im Frühjahr ihre Bankkonten leergeräumt, weil sie einen Euro-Austritt fürchteten und damit einen Wertverlust ihres Vermögens. Doch offenbar versteckten viele Griechen ihr Geld nicht einfach nur unter dem Kopfkissen, sondern gaben es für langlebige und wertstabile Konsumgüter wie Küchengeräte und Autos aus. Die Neuzulassungen für Fahrzeuge stiegen von März bis Mai um gute 30 Prozent an.

Längst fällige Steuern werden eingesammelt

Auch Millionen Touristen ließen sich von den Kapitalverkehrskontrollen, die Ende Juni eingeführt wurden, nicht davon abhalten, ihren Sommerurlaub in Griechenland zu verbringen. Um 21 Prozent zum Vorjahr stiegen die Buchungen. Die Branche erwartet für dieses Jahr insgesamt 25 Millionen Touristen. Auch diese Entwicklung trug dazu bei, dass sich die Wirtschaft in der ersten Hälfte des Jahres deutlich besser entwickelte als gedacht.

Doch von einer stabilen Lage zu sprechen, wäre zu früh. Zwar nimmt das Vertrauen der Unternehmer in eine wirtschaftliche Stabilisierung allmählich zu. Das zeigt auch der Anstieg der Bankeinlagen. Aber so konsumfreudig wie im ersten Halbjahr zeigen sich die Verbraucher noch lange nicht. Das mag auch daran liegen, dass sie ahnen, was noch auf sie zukommt.

"Eine Reihe von Steuerzahlungen für die Bevölkerung und Unternehmen wird nun fällig, die wegen der politischen Ereignisse aufgeschoben worden sind", sagt Manos Giakoumis, Chef-Analyst des griechischen Datendienstleisters Macropolis. Die Regierung Tsipras hatte etwa versprochen, die verhasste Immobiliensteuer zu senken und sie deshalb nicht eingezogen. Nun aber sieht die Vereinbarung mit den Geldgebern vor, die Steuer in voller Höhe und in mehreren Ratenzahlungen zu erheben. Da in Griechenland die Eigentumsquote für Immobilien bei mehr als 70 Prozent liegt, sind davon sehr viele Menschen betroffen.