ZEIT ONLINE: Herr Weindlmaier, die EU-Agrarminister haben sich am Montag auf Soforthilfen für die Milchbauern geeinigt. 500 Millionen Euro sollen sie erhalten, unter anderem für zinsgünstige Darlehen. Eine gute Idee?

Hannes Weindlmaier: Ich würde sagen, es liegt im Rahmen der Erwartungen. Es wird wohl Unterstützung für die Erschließung neuer Märkte geben, und die Direktbeihilfen sollen früher als bisher ausgezahlt werden. Aber das wird die Liberalisierung des Milchmarktes nicht umkehren, und die Auswirkungen auf den Preis werden minimal sein. Ich glaube nicht, dass man die Proteste damit beruhigt.

ZEIT ONLINE:  Wäre es besser gewesen, die Politik würde den Bauern wieder vorgeben, wie viel Milch sie produzieren dürfen?

Weindlmaier: Frankreich hat diese Forderung unterstützt: Bauern, die über ein bestimmtes Maß hinaus produzieren, sollten Abgaben zahlen. Umgekehrt sollten Bauern, die weniger Milch produzieren, Geld erhalten. Das wäre eine Art besonders komplizierte Quote. Dagegen gab es Widerstand, mit guten Argumenten.

ZEIT ONLINE:  Welche sind das?

Weindlmaier: Es wäre sehr teuer geworden, und praktisch kaum umsetzbar.

ZEIT ONLINE:  Aber insgesamt wird doch zu viel produziert.

Weindlmaier: Natürlich, das Angebot liegt gegenwärtig weit über der Nachfrage, weil die Milchbauern wegen der zuletzt hohen Preise viel investiert hatten – jetzt aber ist der Export nach Russland durch das Importembargo zusammengebrochen und jener nach China stark zurückgegangen. Es ist klar, dass die Produktion wieder reduziert werden muss. Es gibt gerade zu viel Milch auf dem Markt. Aber das funktioniert auch durch den niedrigen Preis.

ZEIT ONLINE:  Die Kehrseite ist: Durch den Kostendruck müssen immer mehr Höfe schließen, und die verbliebenen Betriebe werden größer. Sie kaufen Soja und Mais, statt Gras zu verfüttern, und wissen nicht mehr, wohin mit der Gülle. Wie sinnvoll sind Liberalisierung und Exportorientierung überhaupt?

Weindlmaier: Es gibt im Moment erhebliche Propaganda gegen die Exportorientierung. Aber die Milchbauern der EU stellen deutlich mehr Milch und Milchprodukte her, als die Europäer selbst verbrauchen. Der Selbstversorgungsgrad liegt bei 115 Prozent. Es liegt nahe, die Überschüsse zu exportieren.

Wenn sie in Länder außerhalb der EU exportieren, erzielen sie zum Teil sogar höhere Gewinnmargen als zu Hhause. Zugleich genießen sie einen Heimvorteil, denn in Europa spielen frische, qualitativ hochwertige Produkte eine große Rolle, die Molkereien von anderswo überhaupt nicht liefern können, unter anderem aus logistischen Gründen.

ZEIT ONLINE: Aber dahinter steckt doch auch eine Grundsatzfrage. Es gibt einen Trend zu großen, fast industriell arbeitenden Betrieben, mit schädlichen Folgen für die Umwelt und die Gesundheit der Tiere. Wollen wir das wirklich?

Weindlmaier: Den Trend zur sogenannten industriellen Produktion in der Milchwirtschaft halte ich für gewaltig übertrieben. Wir haben in Deutschland durchschnittlich 55,5 Kühe pro Milchbauernhof. In Bayern sind es sogar nur 34,3 Kühe. Natürlich entstehen in jüngster Zeit auch Ställe, in denen 1.000 Kühe oder gar mehr stehen. Aber je größer die Höfe werden, desto geringere Kostenvorteile bringt das Wachstum. Irgendwann gelangt  das Betriebswachstum nicht nur wegen der Probleme der Gülleentsorgung sondern auch aus ökonomischen Gründen an sein Ende.