Am Anfang von Jaqueline Torres' Fall steht ein Unfall. Im Jahr 1996 hat ihr Auto einen technischen Defekt. Als es explodiert, sitzen ihre beiden ältesten Töchter in dem Wagen. Wenige Tage später sterben sie im Krankenhaus. Vom Autohersteller erhält die damals 26-jährige Puerto-Ricanerin 800.000 Dollar Schmerzensgeld. Torres leidet seit dem Unfall unter Depressionen und kann nicht mehr arbeiten gehen. Das Schmerzensgeld soll sie finanziell unterstützen.

Sieben Jahre später lernt Torres den jungen Broker David Lugo kennen und erzählt ihm ihre Geschichte. Zu diesem Zeitpunkt besitzt sie noch 600.000 Dollar. Der junge UBS-Banker verspricht ihr eine "sichere Anlage, die ihr ihren Lebensunterhalt bis an ihr Lebensende finanzieren kann". Torres lässt sich überzeugen, Lugo investiert 525.000 Dollar – in einen hochrisikoreichen geschlossenen UBS-Fonds mit Kommunalanleihen aus Puerto Rico. Torres ahnte nicht, dass der Wirtschaftsabschwung ihres Heimatlands fatale Auswirkungen auf die Performance des Fonds hatte. Zumal die UBS den Fonds noch mit Fremdkapital aufpumpt hat, um die Renditen zu steigern.

Rund 400.000 Dollar hat Torres durch den Wertverlust der Fondsanteile inzwischen verloren. "Torres war ihrem Broker ausgeliefert, weil sie selbst über keinerlei Wissen im Finanzbereich verfügt", sagt ihr Anwalt Peter Mougey. Er vertritt seine Mandantin vor der Schlichtungsstelle Financial Industry Regulatory Authority (Finra) in Washington, wo der Torres-Fall im Januar verhandelt werden soll. Die Finra ist die Standesorganisation der US-Wertpapierhändler und schlichtet zwischen Anlegern und Banken.

Puerto Rico ist ein kleines Inselparadies in der Karibik. Offiziell ist es kein Staat, auch kein US-Bundesstaat, sondern nur mit den USA assoziiert. Die Währung ist der US-Dollar. Die Bürger sind zwar US-Staatsbürger, dürfen aber nicht wählen. Auch wenn auf den Inseln Puerto Ricos nur knapp vier Millionen Einwohner leben: Die Entwicklungen dort treiben inzwischen selbst US-Politiker um. Das Land steckt nach einer langen Wirtschaftskrise nun auch in einer schweren Schuldenkrise. Die Insel ist der drittgrößte Herausgeber von Kommunalobligationen nach Kalifornien und dem Bundesstaat New York. Dabei beträgt das Bruttoinlandsprodukt Puerto Ricos gerade mal 100 Milliarden Dollar.

Viele Amerikaner halten Fondsanteile mit puertoricanischen Bonds

Die Schuldenlast hat inzwischen 72 Milliarden Dollar erreicht. Kürzlich hat die Inselregierung erklärt, Kommunalobligationen im Wert von 58 Millionen Dollar nicht bedienen zu können. Damit hatte sich Puerto Rico praktisch zahlungsunfähig erklärt. Andrew Cuomo höchstpersönlich, der Gouverneur des Bundesstaates New York, flog an diesem Montag nach Puerto Rico, um mit der Regierung über eine Umstrukturierung der Schulden zu verhandeln. Denn schließlich kann Puerto Rico nicht offiziell Insolvenz anmelden, weil es weder souveräner Staat noch US-Bundesstaat ist.

Cuomo plädiert jetzt dafür, eine Ausnahmeregelung zu finden und der Insel so aus der Pleite zu helfen. "Diese Situation bedroht die Lebensgrundlage von Millionen Menschen", warnt der Gouverneur. Er weiß genau, dass das Thema auch seine Wähler umtreibt: Denn viele Festland-Amerikaner haben mit ihren Altersvorsorgeanlagen in Kommunalanleihen der Insel investiert, weil diese steuerfrei sind. Laut der Fondsratingagentur Morningstar enthält jeder zweite amerikanische Kommunalanleihe-Fonds puertoricanische Bonds.

Die Schweizer Großbank UBS – nach dem verwalteten Vermögen die größte Bank der Welt – machte jahrelang gute Geschäfte in Puerto Rico. Sie war dort groß in das Geschäft mit Kommunalanleihen  eingestiegen. Die Papiere werden von Gemeinden und Institutionen wie Wasser- und Energieversorgern ausgegeben und gelten eigentlich als risikoarm, weil der Staat im Notfall einspringt. Doch im Falle der krisengeschüttelten Karibikinsel war nicht nur dies irgendwann zweifelhaft. Die UBS spielte offenbar eine zweifelhafte Zwitterrolle auf diesem Markt.

"Es gab massive Interessenskonflikte innerhalb der UBS", schreibt Torres' Anwalt Mougey in seiner Beschwerde: Die UBS beriet sowohl die Herausgeber der Anleihen, also die Gemeinden und Institutionen, bei der Emission der Papiere als auch deren Käufer, die Anleger. Für sie verwaltete sie die Papiere und erhielt zugleich Geld von den Emittenten für den Verkauf der Anleihen. "Die UBS war DER Player schlechthin auf dem puertoricanischen Markt für diese Bonds, es gab sonst niemanden", sagt der Anwalt Craig McCann, der ebenfalls Geschädigte vertritt. Im Fall der Fonds, die Torres erwarb, kam noch etwas hinzu: Weil die UBS diese Papiere nur in Puerto Rico vertrieb, entzog sie diese der Börsenaufsicht SEC und damit der Kontrolle.