Zwei geflüchtete Jungs gucken aus einem Bus, den die ungarische Polizei in der Nähe des Grenzortes Gyor herausgewunken hat. © David W Cerny /Reuters

ZEIT ONLINE: Frau Schönenberg, die EU will 160.000 Flüchtlinge umverteilen, aber zugleich ihre Außengrenzen stärker sichern. Frontex soll zu einer voll funktionsfähigen Grenztruppe ausgebaut werden, ab Oktober sollen noch mehr Militärschiffe auf dem Mittelmeer patrouillieren, um Schlepper mit ihren Booten zu jagen und Flüchtlinge zu retten. Auch die Bundeswehr ist beteiligt. Ist das der richtige Weg?

Regine Schönenberg: Ganz im Gegenteil. Je intensiver man die Grenzen nach außen schützt, umso mehr stärkt man die kriminellen Netzwerke der Schlepper. Der Menschenhandel ist überhaupt erst durch die gut gesicherten Außengrenzen der EU so ein profitables Geschäft geworden, ähnlich lukrativ wie der Waffen- und der Drogenhandel. Mich wundert es deshalb, wenn nun beispielsweise Innenminister Thomas de Maizière sagt, das Geschäft der Schlepper widere ihn an. Die Grundlagen dafür hat er selbst geschaffen! 

ZEIT ONLINE: Ein starker Vorwurf.

Schönenberg: Seit die Europäische Union mit dem Schengen-Abkommen ihren Bürgern intern Reisefreiheit gewährt, schottet sie sich nach außen ab. Das macht die Einreise viel schwieriger als vorher. Oder nehmen sie Deutschland: Seit das Asylrecht geändert wurde, ist es kaum noch möglich, hier einen Antrag auf Schutz zu stellen.

ZEIT ONLINE: Es sei denn, man kommt illegal ins Land.

Schönenberg: Auf legalem Wege sind die Hürden jedenfalls kaum zu überwinden – und erst recht nicht ohne professionelle Hilfe. Nur deshalb brauchen die Flüchtlinge Schlepper. Je schwieriger aber die Einreise wird und je riskanter, desto teurer lassen sich die Schlepper bezahlen.

ZEIT ONLINE: Je mehr Grenzer und Schiffe wir zur Abwehr schicken, desto professioneller werden die Schlepper?

Schönenberg: Genau. Das schaukelt sich gegenseitig hoch. Den Effekt beobachten wir in allen Bereichen der Organisierten Kriminalität, zum Beispiel auch im Drogenkrieg: Je höher die Sicherheitsaufwendungen, desto stärker werden die kriminellen Banden. Sie können flexibler agieren als staatliche Institutionen und sind ihnen deshalb immer einen Schritt voraus.

ZEIT ONLINE: Manche bringen Flüchtlinge auch einfach aus Mitgefühl über die Grenze.

Schönenberg: Es gibt beides, und natürlich muss man das sauber voneinander trennen. Ein wohlmeinender Bürger, der aus Österreich nach Ungarn fährt, um Flüchtlingen über die Grenze zu helfen, ist kein Schlepper. Ein Fischer an der Mittelmeerküste auch nicht, der aus purem Mitleid und ohne Geld zu verlangen eine Familie ein Stück in seinem Boot befördert. Solche Leute darf man nicht kriminalisieren. Aber hier geht es um professionelle Menschenschleuser.

"Es sind Leute, die beispielsweise die Route über den Balkan schon seit Jahren kontrollieren"

ZEIT ONLINE: Wer sind diese Profis?

Schönenberg: Es sind Leute, die beispielsweise die Route über den Balkan schon seit Jahren kontrollieren. Sie haben die Grenzbeamten und Zöllner bestochen und die Transportwege deshalb im Griff. Bislang wurde die Route hauptsächlich für den Transport von illegalen Arbeitskräften und Zwangsprostituierten genutzt, für den Kinder- und Organhandel. Jetzt sind es eben Flüchtlinge. Und weil die Nachfrage so groß ist, steigen auch Leute ins Geschäft ein, die ganz offensichtlich keine Ahnung von der nötigen Logistik haben. Sonst wären zwischen Österreich und Ungarn nicht 71 Menschen in einem Lkw erstickt.

ZEIT ONLINE: Welches Interesse haben die Schlepper denn daran, dass die Flüchtlinge überleben?