Demonstranten protestierten am 19. Januar 2011, fünf Tage nach dem Sturz des früheren Präsidenten Ben Ali, in Tunis gegen den Verbleib alter Regierungsmitglieder im neuen Kabinett. © Fred Dufour/AFP/Getty Images

Sie stürzten als erste. Am 14. Januar 2011, nur wenige Tage nach Beginn des arabischen Frühlings, flohen Tunesiens Präsident Zine el Abidine Ben Ali und seine Frau Leila Trabelsi vor den Protesten aus dem Land. Mit der Forderung nach Freiheit, Arbeit und Würde waren die Tunesier damals auf die Straße gegangen – und aus Wut auf die Kleptokratie des Präsidentenpaares. 

Auf fünf Milliarden Dollar beläuft sich das in über zwanzig Jahren angesammelte Privatvermögen von Tunesiens First Couple  – der Ertrag von Korruption, Veruntreuung und Erpressung. Bei diesen Schätzungen sind die Besitztümer und Konten von Ben Alis sieben und Trabelsis zehn Geschwistern noch nicht eingerechnet; ebenso wenig die von ihren Cousins, Schwägern und Schwägerinnen, Nichten und Neffen. 

Auf bis zu fünfzig Milliarden Dollar wird die Gesamtsumme geschätzt, um die die präsidiale Beutegemeinschaft den tunesischen Staat gebracht hat. Ben Ali und seine Frau leben seither im luxuriösen Exil in Saudi-Arabien, bis auf Weiteres unerreichbar für jedwede Gerichtsbarkeit.  

Doch wo ist ihr Geld? Schon wenige Tage nach der Flucht des Diktators hatten sich tunesische Staatsanwälte auf die Suche nach den Reichtümern des Ben-Ali-Trabelsi-Klans gemacht. Es ist eine mühselige Spurensuche, die auch fast fünf Jahre später noch anhält.  

Korruption stärkt Unrechtsstaaten

Korruption, so die gängige Definition, ist der Missbrauch anvertrauter Macht zum privaten Nutzen und Vorteil. Diesen Missbrauch begehen nicht nur Vertreter des Staates, aber dort hat sie besonders gravierende Folgen. Korruption unterminiert jene Institution, die das Gemeinwesen und die Rechte des Einzelnen schützen soll. Rechtstaatlichkeit stärken, Transparenz schaffen, die Korruption substanziell bekämpfen, fordert das sechzehnte der nachhaltigen Entwicklungsziele der UN. Was staubtrocken klingt, geht an den Kern von Unrechtsstaaten und an die Komplizenschaft vieler demokratischer Länder. 

Korruption lähmt den Fortschritt in unterentwickelten Nationen. Sie ist Teil dessen, was Fachleute "illicit financial flows" (illegale Geldflüsse) nennen. Laut Berechnungen der NGO Global Financial Integrity (GFI), die solche Geldströme dokumentiert, flossen allein im Jahr 2012 für jeden Dollar offizieller Entwicklungshilfe zehn Dollar illegal aus den betreffenden Staaten ins Ausland. 

Korruption blockiert den Wiederaufbau nach Kriegen. Länder wie Afghanistan oder Somalia finden auch deshalb keinen Frieden, weil internationale Gelder für ihre Stabilisierung in Milliardenhöhe in den Taschen korrupter Politiker und Warlords verschwunden sind.

Und: Korruption verlängert die Lebenszeit autoritärer Regime. Ein Diktator stützt sich nie allein auf Gewalt. Er muss sich die Loyalität bestimmter Gruppen erkaufen, indem er diesen erlaubt, sich auf Kosten des Gemeinwesens  zu bereichern. Bis dieses zusammenbricht. Oder bis dessen Bürger sich wehren.

Im September wollen die Vereinten Nationen neue Entwicklungsziele verabschieden. Sie sollen auch für die reichen Industriestaaten gelten, nicht nur für die Armen – ein Paradigmenwechsel. Wir stellen jede Woche ein Ziel vor. Ein Klick auf das Bild bringt Sie zur Übersicht.

Die Kleptokraten wiederum brauchen Verstecke und Anlagemöglichkeiten für ihr Geld und finden immer noch und immer reichlich Optionen in westlichen demokratischen Ländern. Angefangen von teuren Immobilien an der Riviera, in der Londoner City oder im 16. Pariser Arrondissement über die Gründung von Scheinfirmen in den USA bis zu Bankkonten in Luxemburg und in der Schweiz.

Letztere galt lange Zeit als der sicherste und größte Tresor der Diktatoren. Ferdinand Marcos, 21 Jahre Herrscher über die Philippinen, deponierte hier gewinnbringend die Millionen, die er und seine Frau Imelda zusammengerafft hatten. Mobutu Sese Seko, Ex-Präsident des ehemaligen Zaire und heutigen Kongo, verkörperte wie kaum ein anderer das Modell des plündernden Präsidenten und war gern gesehener Kunde Schweizer Banken. Ebenso Haitis ehemaliger Diktator "Baby Doc" Duvalier und Nigerias Sani Abacha, der während seiner Gewaltherrschaft zwischen 1993 und 1998 zwei Milliarden Dollar auf Auslandskonten geschafft hatte.

NGOs machen stärker Druck

Aus Sicht der Diktatoren sind die "guten Zeiten" allerdings vorbei. Vor allem dank des Engagements von NGOs wurden Kontrollen und Gesetze verschärft und allzu skandalöse Schlupflöcher gestopft. Schweizer Banken unterliegen inzwischen einer erhöhten Sorgfaltspflicht bei Geschäftskontakten mit "politisch exponierten Personen" und müssen den Verdacht illegaler Geldflüsse umgehend den Behörden melden.

Dass sie sich dabei vor Eifer überschlagen, kann man nicht behaupten. Doch inzwischen verfügen NGOs wie die Erklärung von Bern, Transparency International, aber auch zahlreiche Aktivisten in Afrika und Asien über mehr Fachwissen, um illegale Geldströme zu verfolgen und Druck auf europäische Banken auszuüben. Rund zwei Milliarden Franken hat die Schweiz in den vergangenen zwanzig Jahren von den Konten ausländischer Diktatoren an deren Staaten rücküberwiesen. Allerdings landeten einige Millionen gleich wieder in den Taschen der korrupten Nachfolger.