Sie hat es nicht gewagt. Die amerikanische Notenbankchefin Janet Yellen hat die große Zinswende verschoben. Die Leitzinsen bleiben auf ihrem historischen Tiefststand. Das größte wirtschaftspolitische Experiment der Nachkriegsgeschichte geht damit weiter: Die Amerikaner scheinen nach wie vor davon überzeugt, dass sich die Krise mit billigem Geld überwinden lässt.

Es gibt gute Gründe für diese Entscheidung. Die Arbeitslosigkeit in den USA ist in den vergangenen Monaten gesunken, aber immer noch entstehen nicht genug Jobs für die wachsende Bevölkerung. Und weil wegen des Überangebots an Arbeitskräften auch die Löhne kaum steigen, ist die Inflationsrate eher zu niedrig als zu hoch.

Das spricht nach allen Regeln der Geldpolitik gegen höhere Zinsen – zumal in der Entscheidung auch die Sorge um den Zustand der globalen Konjunktur zum Ausdruck kommt. In vielen Schwellenländern verlangsamt sich das Wachstum und es ist nicht ausgeschlossen, dass die Weltwirtschaft auf eine neue Rezession zusteuert. Die Fed fürchtete offenbar, dass sie die Zinsen schon bald wieder senken müsste, wenn sie diese jetzt angehoben hätte. Die drohende Blamage wollte sie vermeiden.


In Deutschland wird Yellen damit auf wenig Verständnis stoßen, denn hierzulande wächst die Furcht, dass das billige Geld allerlei Unheil anrichtet. In der Tat spielt Janet Yellen ein riskantes Spiel. Je länger die Zinsen niedrig bleiben, desto größer ist die Gefahr, dass es zu neuen Verwerfungen an den Finanzmärkten kommt – zum Beispiel weil Investoren sich auf der Suche nach ein paar Prozentpunkten Rendite auf waghalsige Geschäfte einlassen.

Doch wahr ist auch: Weil die Fed nach Ausbruch der Krise so entschlossen gegengesteuert hat, sind die Amerikaner viel schneller aus der Krise gekommen als die Europäer. Davon profitieren nicht zuletzt die deutschen Exportunternehmen, für die der amerikanische Markt immer wichtiger wird, weil in den aufstrebenden Volkswirtschaften eine Nachfrageflaute herrscht. Indem sie die US-Wirtschaft auf Kurs hält, sichert Yellen auch den deutschen Aufschwung ab.

Die Fed wird nun vor allem die weitere Entwicklung der Weltwirtschaft beobachten. Wenn die globale Konjunktur wieder anzieht, werden die Zinsen noch in diesem Winter steigen. Wenn sich die Anzeichen für eine deutliche Eintrübung verdichten, ist die Zinswende vorerst abgesagt. Dann wird auch die Europäische Zentralbank noch einmal nachlegen.