Volkswagen und Niedersachsen – das war bisher fast ein Synonym. Der Automobilkonzern ist mit Abstand der größte Arbeitgeber zwischen Harz und Küste. Von seinem Abschneiden hängt in starkem Maße das Wohlergehen des ganzes Landes ab. Die Landesregierung, egal welcher Couleur, machte sich deshalb immer für die Interessen von VW stark. Schließlich ist das Land selbst Großaktionär und übt mit seiner gesetzlich festgelegten Sperrminorität von 20 Prozent entscheidenden Einfluss auf das Unternehmen aus.

Jahrelang zahlte sich diese Symbiose aus: VW verzeichnete wachsende Absätze und Gewinne, das Land profitierte durch steigende Beschäftigtenzahlen an den sechs VW-Standorten in Niedersachsen. Nun aber ist der Autokonzern durch die Abgas-Affäre in eine tiefe Krise gestürzt, und Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) muss sich als Krisenmanager betätigen. In der vergangenen Woche sorgte er als Mitglied des Aufsichtsratspräsidiums mit dafür, dass Konzernchef Martin Winterkorn seinen Posten aufgab. Und gemeinsam mit dem amtierenden Aufsichtsratschef Berthold Huber und Betriebsratschef Bernd Osterloh kündigte er Strafanzeige gegen die Verantwortlichen an. Das erste Opfer dieses harten Kurses wurde nun ausgerechnet Winterkorn, gegen den die Staatsanwaltschaft Hannover seit Montag wegen Betrugsverdachts ermittelt.

Die Lage des Konzerns sei "extrem ernst", heißt es im Umfeld von Weil. In der Staatskanzlei in Hannover geht man davon aus, dass die Affäre nach dem Führungswechsel an der Konzernspitze und der Ablösung von drei Entwicklungsvorständen von VW, Audi und Porsche längst noch nicht ausgestanden ist, sondern noch weitere Kreise ziehen wird. Weil will sich persönlich dafür einsetzen, dass die Affäre zügig aufgeklärt wird – "ohne Ansehen der Person", wie es heißt.

Zugleich macht man sich in Hannover große Sorgen um die Folgen des Abgas-Skandals für die Wirtschaft des Landes und vor allem für die Beschäftigten bei VW. Von den 600.000 Mitarbeitern des Konzerns arbeiten gut 120.000 in den Werken in Wolfsburg, Hannover, Braunschweig, Salzgitter, Osnabrück und Emden. Dazu kommen noch die Beschäftigten bei den zahlreichen Zulieferern. Nach einer Studie der Nord/LB macht die Produktion von Volkswagen mehr als zwei Drittel der Wertschöpfung der 50 größten Betriebe in Niedersachsen aus. Eine längerfristige wirtschaftliche Krise von VW würde daher das ganze Land nach unten ziehen.

Genau davon geht der Ökonom Rudolf Hickel aus. "VW könnte auf Jahre hinaus Verluste schreiben", sagt er voraus. Eine Folge: "Die Händler blieben auf den Fahrzeugen sitzen, deshalb wird es wahrscheinlich schon bald Kurzarbeit in einigen VW-Werken geben." Eine Katastrophe sei es aber für die Zulieferer, so Hickel weiter. "Da werden wir schon bald ein erstes großes Unternehmenssterben erleben, besonders bei den Lieferanten von Komponenten für die Dieselmotoren. Da wird nichts mehr bestellt." Davon sei Niedersachsen mit seiner mittelständischen Wirtschaftsstruktur besonders betroffen.

Weniger Leiharbeiter, weniger Steuern

Auch der Wirtschaftsinformatiker Michael Breitner von der Universität Hannover geht davon aus, dass es bei VW zu Stellenstreichungen kommen kann. Zusammen mit den Zulieferern beschäftige der Konzern in Niedersachsen rund 150.000 Menschen. "Wenn nur zehn Prozent davon wegfallen, trifft es das Land massiv", sagt Breitner. Er befürchtet zudem, dass die Forschung im Land stark in Mitleidenschaft gezogen wird. Denn VW finanziere und fördere viele Projekte zur Fahrzeugentwicklung, aber auch zur E-Mobilität oder zum Carsharing. Ohne die VW-Mittel sei vieles davon gefährdet.

Daniel Schiller vom Niedersächsischen Institut für Wirtschaftsforschung rechnet dagegen nur mit einer kurzfristigen Zurückhaltung der Autokäufer und deshalb auch nicht mit Kurzarbeit bei VW. Allerdings könne das Unternehmen die Zahl der Leiharbeiter senken. "Entscheidend ist, wie schnell und umfassend Volkswagen Aufklärung leistet. Davon hängt ab, wie tief die Krise wird."

In der Landesregierung möchte man sich mit Worst-Case-Szenarien im Moment nicht beschäftigen. Dafür sei es viel zu früh, sagt ein Sprecher von Ministerpräsident Weil. Neben dem Krisenmanagement ist man besonders im Finanzministerium damit beschäftigt, zu überschlagen, was die VW-Krise finanziell für das Land bedeuten kann. Denn der Konzern ist natürlich auch der größte Steuerzahler im Land. Sollten die Gewinne infolge der Abgas-Affäre in den nächsten Jahren stark sinken oder VW gar Verluste ausweisen, würden die Steuereinnahmen deshalb deutlich abnehmen.

Haushaltssperre in Wolfsburg

Allerdings ließen sich die Auswirkungen kaum überschlagen, sagt Ministeriumssprecher Kai Bernhardt. Denn die Ertragssteuern von VW – rund vier Milliarden Euro für das Geschäftsjahr 2014 – fließen in den Bund-Länder-Finanzausgleich. Das Land bekommt davon nur einen Anteil gemäß dem allgemeinen Verteilungsschlüssel, und auch die anderen Länder und der Bund wären bei einem Steuerausfall betroffen.

Direkt betroffen wäre das Land jedoch bei einem Ausfall der Dividende, womöglich sogar über Jahre. In diesem Jahr erhielt es eine Rekordausschüttung von 283 Millionen Euro. Das Geld fließt jedoch nicht in den allgemeinen Landeshaushalt, sondern geht zum Teil an eine Landesbeteiligungsgesellschaft, zum anderen Teil an die Volkswagen-Stiftung und das Wissenschaftsministerium. Daraus wiederum werden Wissenschafts- und Forschungsprojekte finanziert. Wenn diese Gelder ausbleiben, muss entweder das Land einspringen oder die Projekte sterben mangels Finanzierung.

Weiter stärker noch als das Land sind die niedersächsischen Städte getroffen, in denen VW seine Standorte hat. Sie leben sehr stark von den Gewerbesteuereinnahmen des Autokonzerns und rechnen nun mit starken Rückgängen, da VW hohe Rücklagen bilden will, die den Gewinn schon in diesem Jahr schmälern. Wolfsburg als Sitz der Konzernzentrale verhängte am Montag bereits eine Haushaltssperre und einen Einstellungsstopp. Auch Braunschweig hat wegen des Abgas-Skandals seine Haushaltsberatungen bis auf Weiteres ausgesetzt. Emden dürfte ebenfalls stark betroffen sein. "VW hat einen Teil der Gewerbesteuer schon vorausgezahlt",  sagt Wirtschaftsgeograf Schiller, "das Geld müssen die Kommunen nun mit Sicherheit zurückzahlen."