Zwei satte Syriza-Siege sah das Jahr 2015, doch sie könnten sich nicht unterschiedlicher anfühlen. Damals im Januar sangen und tanzten die Menschen auf der Straße, eine neue Epoche kündigte sich an. Damals sprach Alexis Tsipras davon, dass alles nur der Anfang sei und Europa sich von Grund auf verändern würde. Menschen von Lissabon bis Athen würden gemeinsam gegen den Sparkurs aufstehen – für ein linkes Europa.

Diesmal im September blieben die meisten zu Hause und sahen sich im Fernsehen die Siegesrede von Alexis Tsipras an. Diese Woche hat er ein Kabinett vorgestellt, in dem zwar leider wieder die krypto-antisemitische, rechtspopulistische Anel vertreten ist, aber die wilden Linken des ersten halben Jahres fehlen. Wenige Tage nach seinem Sieg und eine Woche vor der portugiesischen Parlamentswahl ist jetzt, im September, von einem wirklich linken Europa kaum etwas zu sehen. Auch in Portugal zeichnet sich keine radikale Wende ab. Die Anti-Spar-Revolution scheint auszufallen. 

Tsipras ist jetzt mit einem ganz anderen Wählerauftrag zurück ins Amt gelangt als noch im Januar. Damals wünschten sich die Menschen, er würde gegen die EU aufstehen und den Sparkurs beenden. Das konnte er nicht liefern; stattdessen unterschrieb er ein neues Spar- und Reformpaket mit der EU und den Gläubigern. Diesmal wurde er gewählt, weil sich die Menschen echte Reformen eher von ihm als von der konservativen Nea Dimokratia vorstellen können. 

Stelios Kuloglu, EU-Parlamentarier von Syriza und kluger Beobachter der Athener Szene, erklärt den Wahlsieg auch mit der Sehnsucht, das alte System Griechenlands zu überwinden. "Tsipras hat das versprochen", sagt Kuloglu, "Aufräumen mit den Oligarchen, den Steuerhinterziehungen, dem Klientelismus in der Bürokratie."

Seit der Unterschrift unter das Memorandum der Gläubiger haben sich die Prioritäten verändert. Nicht die europaweite Revolution, sondern die Umwälzung in Griechenland wird Tsipras beschäftigen. Und die wirkt nicht genuin links. Er wird zum Beispiel Provinzflughäfen privatisieren, das Renteneintrittsalter auf 67 Jahre hochsetzen und die Steuerermäßigungen für Landwirte abschaffen müssen. Letztere sind zum Steuerschlupfloch für reiche Städter verkommen. Um all das halbwegs vor dem Volk zu vertreten, will er die Reichen stärker zur Kasse bitten. Und natürlich wird er für eine weitere Schuldenstreckung in Brüssel kämpfen. Die dürfte er wohl bekommen.

Fotis Kouvelis, eine Art Elder Statesman der Linken und früher Tsipras' Parteigenosse, sagt, Tsipras habe zwar lange nach links geblinkt, sei aber im Sommer mit der Unterschrift unter das Gläubigerprogramm rechts abgebogen. Syriza vertrete mittlerweile "eine Melange linker und sozialdemokratischer Ansichten".

Wenn Kouvelis und Kuloglu Recht behalten, ist es gut, dass Tsipras die Wahl gewonnen hat und nicht die rechte Nea Dimokratia. Denn nur Tsipras besitzt als echter Linker die politische Überzeugungskraft, einschneidende Reformen durchzusetzen, die auch mal rechts wirken mögen. Nur er kann Gewerkschaften und Bürokraten überreden. Vorausgesetzt, er steht wirklich dahinter. Vorausgesetzt, Syriza laufen im Gesetzesmarathon nicht weitere Abgeordnete davon, wie schon im Sommer geschehen.

Sollte es klappen, passt Tsipras bestens in die europäische Landschaft. In Italien regiert schon länger ein Sozialdemokrat mit Reformagenda. In Portugal liefern sich Sozialdemokraten und Liberalkonservative ein Kopf-an-Kopf-Rennen vor der Wahl am 4. Oktober. In Spanien, wo im Herbst gewählt wird, liegt die radikal-linke Podemos in Umfragen deutlich unter 20 Prozent. Wenn sie überhaupt in die Regierung kommt, dann vielleicht in einer Koalition mit der sozialdemokratischen PSOE.

Auch in Spanien wird nicht Revolution, sondern Aufräumen mit der Korruption die erste Aufgabe sein. In Großbritannien hat sich die Labour-Partei gerade einen radikal-linken Chef gewählt, aber zugleich auch weiter von einem Wahlsieg entfernt. Die Ironie ist: Richtig linke Politik (Absenkung des Rentenalters, hoher Mindestlohn, Sozialhilfe für Flüchtlinge) macht derzeit ein Land mit einer Rechts-Links-Koalition und sprudelnden Steuereinnahmen: Deutschland.

Der linke Traum wird bleiben. Alexis Tsipras kann ihn mit dem Spar- und Reformprogramm nicht verwirklichen. Aber er könnte Griechenland diesem Traum wieder näher bringen. Indem er zeigt, dass Linke bessere Reformer sind als Rechte.