In Sektlaune: Argentiniens Präsidentin Cristina Kirchner ©Ueslei Marcelino / Reuters

Ramóns Geschäft ist illegal, aber es folgt klaren Regeln. Die Kunden des Geldwechslers in Buenos Aires erfahren aus der Zeitung, von Onlineportalen oder aus dem Fernsehen, wie hoch der offizielle Preis für den schwarz gehandelten Dollar ist. Sie treffen Ramón auf der Calle Florida, der wichtigsten Einkaufsmeile der argentinischen Hauptstadt, wo er die Pesos seiner Kunden in harte Devisen tauscht. Dann gibt er das Geld auf dem Markt der Mayores weiter, der etwas dickeren Fische. Wo sie ihr Geld herbekommen und warum sie es tauschen wollen, darüber will er nicht reden.

Einmal im Monat bekommt Ramón Besuch von einem Polizisten, der sich 400 Dollar abholt, in bar und abgezählt. Dafür können er und seine Kollegen ungestört ihrem Geschäft auf der Florida nachgehen. Ganz wichtig sei, niemals Falschgeld zu verteilen, sagt Ramón, denn das rufe die Behörden auf den Plan, und das wiederum störe das Geschäft, das sonst weitgehend toleriert wird.

Durch ihren Handel mit dem dólar blue, wie die illegal getauschte Devise genannt wird, nehmen die Geldwechsler der Calle Florida ein wenig Druck von der Straße. Denn seit Jahren verliert der argentinische Peso an Wert, zum Leidwesen vor allem der Geringverdiener. Deshalb stützt die Regierung den Wechselkurs – aber sie gerät dabei an ihre Grenzen, wie der dólar blue zeigt. Während die Argentinier auf dem offiziellen Markt für einen Dollar knapp 9,5 Pesos erhalten, zahlen Ramón und seinen Kollegen derzeit fast 16 Pesos.

In diesem Jahr soll die Inflation laut Internationalem Währungsfonds bei etwa 25 Prozent liegen. Exakte Daten sind schwer zu kriegen, denn die Regierung schönt die Statistiken. Die Preissteigerung ist zentraler Gesprächsstoff in Argentinien – und damit eines der wichtigsten Wahlkampfthemen für den Sonntag, an dem ein Nachfolger für die amtierende Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner bestimmt werden soll. Kirchner selbst, die 2007 die Präsidentschaft von ihrem inzwischen gestorbenen Ehemann Néstor übernahm, darf nach zwei Amtszeiten nicht erneut antreten.

Viele Argentinier flüchten sich in Devisen, um ihr Erspartes vor dem Wertverfall zu sichern. Sie haben nicht nur vor der Inflation Angst: Die meisten haben noch den Staatsbankrott im Jahr 2001 vor Augen, als Sparer über Nacht ihr Geld verloren, weil die Konten eingefroren wurden. Damit ihnen das nicht wieder passiert, verstecken die Argentinier heute Dollarnoten buchstäblich unter der Matratze.

Damals gab es Proteste mit Toten, ein Präsident floh per Helikopter vor seinem Volk. Die Regierung setzte nach dem Bankrott für private Geldgeber einen Schuldenschnitt durch. Eine Einigung mit allen Gläubigern wurde aber nie erzielt, dadurch ist das Land bis heute von den internationalen Finanzströmen abgeschnitten, neue Kredite gibt es nicht. Néstor und Cristina Kirchner boten Banken, IWF und Hedgefonds dennoch die Stirn und setzten auf eine autarke Wirtschaft. Das imponierte vielen Argentiniern. Und sie erreichten mit ungewöhnlichen Maßnahmen Wachstum in dem wirtschaftlich abgeschotteten Land.

Sozialprogramme und Importquoten

Die Kirchners legten neue Sozialprogramme wie Familiengeld und Renten auf. Sie hielten die Preise für einige Lebensmittel niedrig und subventionierten die Energie. Das hilft den Armen bis heute. Menschen aus der Mittelschicht profitierten von einem System, das es ihnen ermöglicht, Einkäufe in Raten zu begleichen – die Zinsen übernimmt die Zentralbank. Das stärkte den Binnenkonsum und brachte die Konjunktur in dem wirtschaftlich lahmenden Land zum Laufen.

Finanziert wurden die Programme durch die ehemals hohen Preise für Soja und mit der Notenpresse. Doch mittlerweile liegt das Staatsdefizit bei acht Prozent und der Peso ist hoffnungslos überbewertet. Es wird die schmerzliche Aufgabe der neuen Regierung sein, die Währung abzuwerten und gleichzeitig das Staatsdefizit in den Griff zu bekommen.

Unternehmer bestehen zugleich auf weitgehende Wirtschaftsreformen. Sie fühlen sich von den rabiaten Maßnahmen der Kirchners gegängelt. Denn um nach dem Bankrott wieder an Geld zu kommen, ließen diese sich ab 2003 allerlei unkonventionelle Regeln einfallen: So sollte die in Schieflage geratene Handelsbilanz ausgeglichen werden, indem importierende Unternehmen gezwungen wurden, den Gegenwert der Einfuhren in argentinischen Waren auszuführen. Der Automobilhersteller BMW etwa kaprizierte sich in der Folge auf den Handel mit Reis, um an Autoteile für seine Produktion in Argentinien zu kommen. Von Porsche ist überliefert, im Gegenzug für Importe feine Weine ausgeführt zu haben. Das Leder argentinischer Rinder soll bis heute in einem Werk in Tschechien für die Innenausstattung deutscher Sportwagen benutzt werden.

Importfirmen mussten eigens Leute einstellen, um die argentinischen Exporte gewährleisten zu können, und liefen Sturm. Inzwischen ist die Regel zwar abgeschafft worden. Doch an ihre Stelle traten Importquoten, die monatlich gestaffelt sind und nach einem kaum durchschaubaren Muster von der Regierung vergeben werden.

Lob auch von marktliberalen Ökonomen

Um Geld in die leeren Staatskassen zu bekommen, versuchte Cristina Kirchner 2008 zudem, die Exportsteuern für Soja zu erhöhen. Die Landwirte legten aus Protest zeitweise das ganze Land lahm. Néstor hatte zuvor die Ausfuhr von Rindfleisch zunächst ganz unterbunden und begrenzte sie später, um die Preise für Nahrungsmittel im Land zu senken.

Damit in Argentinien verdientes Geld auch im Land bleibt, dürfen Unternehmen nur begrenzt Geld ausführen. Die meisten Industriebetriebe produzieren heutzutage multinational und liefern sich gegenseitig Bauteile und Rohstoffe. Argentinische Betriebe können ihre Lieferungen aus dem Ausland oft nicht mehr bezahlen, viele Niederlassungen sind deshalb bei ihren Firmenmüttern verschuldet.

Auch marktliberale Ökonomen glauben zwar, dass viele der unkonventionellen Maßnahmen der Kirchners zunächst richtig gewesen sind. Doch spätestens, als ihre positiven Effekte nachließen, hätten die Programme wieder gestoppt werden müssen, erklärt Augustín Etchebarne vom wirtschaftsliberalen Thinktank Libertad y Progreso. Inzwischen seien die kurzfristigen Gewinne dahin, und die Unternehmer haben reagiert. Viele Landwirte zum Beispiel stellten von Viehwirtschaft auf das deutlich lukrativere Soja um. Argentinien, einst einer der größten Anbieter von Rindfleisch auf dem Weltmarkt, ist auf Rang zwölf abgerutscht, noch hinter den kleinen Nachbarn Uruguay.

Die niedrigen Energiepreise halfen zwar kurzfristig Bevölkerung und Unternehmen, zu sparen. Jetzt aber verhindern sie Effizienzsteigerungen und kosten den Staat viel Geld. Inzwischen ist das Land von Energieimporten abhängig.

Kommt die Krise zurück?

Von einer Krise wie 2001 ist das Land zwar noch weit entfernt, aber der Ausblick ist nicht besonders gut. Cristina Kirchner muss in ihrer Amtszeit keine Pleite mehr fürchten. Dafür sorgten zuletzt Notkredite aus China. Viele Unternehmer rechnen aber bereits mit einer deutlichen Abwertung der Landeswährung nach der Wahl. Landwirte zum Beispiel horten in luftdichten Verpackungen Soja, das erst verkauft werden soll, wenn die Währung sich wieder stabilisiert hat.

Ramón profitiert derzeit von der Angst vor einer Abwertung des Pesos. Allerdings drohen ihm deutliche Verluste, sollte der Kurs irgendwann freigegeben werden.

Aufgeben muss er sein Geschäft aber wohl nicht. Der Schwarzmarkt für Dollar blühte schon vor der Ära Kirchner. Es spricht wenig dafür, dass sich das so schnell ändert. Auch, weil der derzeit aussichtsreiche Kandidat auf die Nachfolge Cristinas Daniel Scioli heißt. Dieser steht zwar für eine Kursänderung in der Wirtschaftspolitik, aber im Gegensatz zu seinen Mitbewerbern nur für eine gemäßigte.