"Die personelle Nähe zwischen der polnischen Politik und den halbstaatlichen Stromkonzernen ist frappierend", schreibt Ancygier in einem gemeinsam mit Oldag Caspar, dem Klimaexperten der Organisation Germanwatch, verfassten Text. "Karrierewege hochrangiger Energiefachleute verlaufen oft zwischen den Großen Vier der Stromwirtschaft und der Regierung im Zickzack hin und her. Sehr wenige dieser Energietechnokraten dürften ein Interesse an einer ambitionierteren Entwicklung der erneuerbaren Energien haben, denn das würde das Geschäftsmodell der Stromkolosse gefährden." 

Hinzu kommt: Die großen Energiekonzerne, etwa Kompania Węglowa oder der Stromversorger Polska Grupa Energetyczna (PGE) gehören in Polen mehrheitlich dem Staat. Jahr für Jahr zahlen sie Hunderte Millionen Złoty Dividenden an den Staatshaushalt. Was, wenn sie an Wert verlören, so wie die deutschen Stromversorger wegen der Energiewende? 

Unter diesen Umständen muss es in Polen wie eine Drohung ankommen, dass die Europäische Union derzeit sogar über eine mögliche "Dekarbonisierung" der Wirtschaft diskutiert.

"Die Klimapakete sind beschlossen"

Was genau hinter der neuen polnischen Konfrontationslust in Sachen Klimapolitik steckt, lässt sich dennoch schwer sagen. Tatsächlich der Wille, die europäische Energie- und Klimapolitik zu torpedieren? Rhetorik für die heimischen Wähler? Eine Inszenierung, um im europäischen Poker noch mehr Geld für den Umbau der Energieversorgung zu Hause herauszuschlagen? 

"Die EU-Klimapakete sind beschlossen", sagt der Germanwatch-Geschäftsführer Christoph Bals. "Die Ankündigung eines Vetos halte ich für Theaterdonner." Allerdings könne es schwerer werden, sich über die konkrete Umsetzung zu einigen. Polens Widerstand ist jedenfalls diplomatisch heikel – so sehr, dass man sich im deutschen Umweltministerium in Berlin zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht in der Lage sieht, sich dazu zu äußern.

Der neue starke Mann in Polen

Vielleicht liegt die Antwort auf die Frage nach dem künftigen Kurs Polens in der Person von Piotr Naimski. Er könnte der künftige Energieminister in Warschau werden – ein Superminister mit vielen Zuständigkeiten, dessen Amt es so bisher noch gar nicht gibt. Naimski interessiert sich weder für eine effiziente Energiewirtschaft noch für Klimafragen. Sein Fokus liegt auf der Sicherheit, sprich: auf der Unabhängigkeit der Energieversorgung von Russland. Für ihn ist die Kohle "das Blut in den Adern der polnischen Wirtschaft". Ein Scheitern des Pariser Klimagipfels, sagte er, sei in polnischem Interesse – allerdings, und das wird die europäischen Klimapolitiker erleichtern: Die neue polnische Regierung dürfte ihr Amt erst nach Abschluss des Klimagipfels antreten. Ob das Wahlergebnis dennoch Auswirkungen auf die Zusammensetzung der polnischen Gipfeldelegation hat, ist derzeit noch unklar. 

Piotr Naimski hat ebenfalls gesagt, er wolle das EU-Klimapaket neu verhandeln. Sein Pech ist: In der EU gehören Fragen der Energiesicherheit und Klimaangelegenheiten bisher untrennbar zusammen. Das gilt auch für die gemeinsame Energie-Union, über die gerade verhandelt wird.

"Solange wie die Kommission es schafft, die bisherige Agenda beizubehalten, mit Energiesicherheit und Dekarbonisierung als Teil des gleichen politischen Rahmens, wäre ein Veto für Polen vermutlich zu teuer", sagt Kacper Szulecki, der an der Universität Oslo zur europäischen Energiepolitik forscht. "Selbst wenn das der Partei Kaczyńskis nicht gefällt."

Am Ende könnte es der neuen Regierung Polens dann genauso ergehen wie der alten: Unter den Ministerpräsidenten Donald Tusk und Ewa Kopacz habe Polen exakt das umgesetzt, was die EU-Klimabeschlüsse dem Land auferlegten, sagt Szulecki, keinen Deut mehr. Aber eben auch keinen Deut weniger.