Ein Mann in Dhaka/Bangladesch arbeitet in einer Ledergerberei. © REUTERS/Andrew Biraj

Das Ziel klingt super, weil es so ehrgeizig ist: Vision Zero. Im besten Fall soll es keine tödlichen Unfälle oder Erkrankungen am Arbeitsplatz mehr geben. Die sieben wichtigsten Industrienationen der Welt wollen das vor allem dort erreichen, wo es an Arbeits- und Umweltstandards fehlt: in den ärmsten Ländern dieser Welt.

Westliche Firmen lassen dort gerne produzieren – eben weil es so günstig ist. Arbeitsunfälle und berufsbedingte Krankheiten führen weltweit nach Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation ILO zu 2,3 Millionen Toten pro Jahr. Wie eng Konsumverhalten in Deutschland mit den Arbeitsbedingungen im Ausland zusammenhängt, führte vor rund zwei Jahren der verheerende Brand in der bengalischen Textilfabrik Rana Plaza der Welt vor Augen, bei dem mehr als 1.120 Menschen starben.

Doch wenn es darum geht, konkret etwas gegen die Missstände zu unternehmen, werden die G-7-Staaten kleinlaut. Diese Woche trafen sich die G-7-Entwicklungs- und Sozialminister in Berlin, darunter Entwicklungshilfeminister Gerd Müller (CSU) und Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD), und gaben den Startschuss für den Fonds Vision Zero. Er soll präventiv Projekte im Arbeitsschutz in Entwicklungsländern fördern; wie etwa die Ausbildung von Arbeitsschutzinspektoren, Sicherheitstrainings oder den Aufbau einer Unfallversicherung. Doch die G-7-Staaten konnten sich nur auf eine Anschubfinanzierung von gerade einmal sieben Millionen Euro einigen. Nur zwei originäre G-7-Staaten greifen wirklich in die Tasche: Deutschland stellt drei Millionen Euro bereit, die USA eine Million. Die EU gibt, obwohl sie kein wirkliches Mitspracherecht in dem exklusiven G-7-Club hat, noch einmal drei Millionen Euro.

Alle anderen G-7-Staaten halten sich zurück. Arbeitsministerin Nahles verbreitet dennoch Optimismus: Frankreich und Italien würden mit Sachleistungen und Personal die Arbeit unterstützen, sagt sie. Auch die G-20-Staaten, zu denen gerade so wichtige Schwellenländer wie China, Indien und Brasilien gehören, könnten sich später noch beteiligen. Zudem hätten auch erste Unternehmen wie etwa Siemens signalisiert, sich zu engagieren – in welcher Form, bleibt allerdings vage.

Menschenrechtsorganisationen und linke Politiker kritisieren die fehlenden Finanzierungsvereinbarungen. Die Zusagen seien "lächerlich", sagt etwa der Linken-Fachmann Niema Movassat. Oxfam-Handelsfachfrau Franziska Humbert stimmt zu. "Entscheidend ist doch, ob eine langfristige Finanzierung gesichert ist." Angesichts der Finanzkraft der G-7-Staaten USA, Deutschland, Kanada, Japan, Frankreich, Italien und Großbritannien, die immerhin kaufkraftbereinigt ein Drittel der weltweiten Wirtschaftsleistung erbringen, seien sieben Millionen Euro nur ein kleiner Beitrag. 

Und so basiert der Fonds vor allem erst einmal auf dem Prinzip Hoffnung. Vor allem solle die Arbeit des Fonds auch zu einem Bewusstseinswandel führen, sagt Nahles. Oft würden Vertreter aus Entwicklungsländern die Notwendigkeit für individuellen Arbeitsschutz beiseitewischen mit dem Argument, es gebe doch in den Ländern genug Arbeiter – "so zynisch das auch klingen mag". 

Bessere Beschwerdemöglichkeiten

Myanmar und Äthiopien, zwei Länder, die etwa immer mehr Mode für den Weltmarkt produzieren, sind aussichtsreiche Kandidaten, um von den ersten nun vereinbarten Projekten zu profitieren. Der Vision-Zero-Fonds soll im kommenden Jahr anlaufen, es wird von der ILO organisiert. Zudem wollen die G 7 die Möglichkeiten für Arbeiter stärken, sich über unfaire und gefährliche Arbeitsbedingungen zu beschweren. Gerade in Entwicklungsländern, wo Unternehmen oft Gewerkschaftsarbeit gezielt unterdrücken, haben Arbeiter oft keine Möglichkeit, ihre Not kundzutun und Missstände im Arbeitsalltag und Verstöße im Umweltschutz zu berichten. Dafür hat der Industrieländerclub OECD in bislang 46 Mitgliedsstaaten sogenannte Kontaktstellen eingerichtet. Sogar in Deutschland gibt es diese Stelle, sie ist beim Bundeswirtschaftsministerium angesiedelt. Hier wird über die Beschwerden in einem außergerichtlichen Schiedsverfahren entschieden.