Die Unsicherheit ist wieder da. Auch wenn sich die zum Jahrestreffen des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Lima versammelten Finanzminister und Notenbankchefs in ihren offiziellen Statements zuversichtlich gaben, so war in den Delegationen doch die Sorge spürbar, dass sich die Weltkonjunktur in den kommenden Monaten deutlich abkühlen könnte – was auch die erfolgsverwöhnten Exportfirmen in Deutschland hart treffen könnte. Der Währungsfonds hat seine Wachstumsprognose bereits nach unten korrigiert.
Kommt also das Ende des deutschen Daueraufschwungs?

Einiges spricht dafür. Die Wirtschaft in den aufstrebenden Volkswirtschaften Asiens und Lateinamerikas verliert erheblich an Fahrt. Die chinesische Wirtschaft wird nach Schätzungen des IWF im kommenden Jahr nur um 6,3 Prozent wachsen – das ist für ein wirtschaftlich aufholendes Land wie China ein sehr niedriger Wert. In Brasilien und Argentinien schrumpft das Bruttoinlandsprodukt demnach sogar. Die niedrigeren Wachstumsraten in den Schwellenländern manifestieren sich bereits in rückläufigen Rohstoffpreisen: Ein Fass Rohöl ist etwa halb so teuer wie vor einem Jahr, vor allem weil weniger Energie nachgefragt wird. Das wiederum bremst die Konjunktur in Ölländern wie Russland, Norwegen oder Saudi Arabien.

Das hat Folgen. Selbst wenn – worauf derzeit alles hindeutet – ein Crash der chinesischen Wirtschaft verhindert werden kann, wird die deutsche Industrie das zu spüren bekommen. Die Ausfuhren sind bereits im August um mehr als fünf Prozent eingebrochen, so stark wie seit der Finanzkrise nicht mehr. Und dieser Trend dürfte sich in den kommenden Monaten fortsetzen.

Europas Wirtschaft erholt sich

Doch es ist nicht alles schlecht. Die Wirtschaft in den USA ist stabil, auch in den Krisenstaaten Europas erholt sich die Konjunktur allmählich. Hinzu kommt, dass die Binnennachfrage in Deutschland angesichts niedriger Zinsen an Fahrt gewinnt. Die privaten Konsumausgaben legen nach Schätzungen des IWF in diesem Jahr um 1,8 Prozent zu – und damit fast doppelt so schnell wie im vergangenen Jahr. Die Zusatzausgaben für die Flüchtlinge wirken wie ein kleines Konjunkturprogramm. Und auch der Rückgang des Ölpreises wirkt sich positiv aus, denn was den erdölexportierenden Ländern an Einnahmen entgeht, steht den Verbrauchern in den erdölimportierenden Staaten als zusätzliche Kaufkraft zur Verfügung.

Diese Entwicklungen sollten einen Teil der Einbußen im Ausland ausgleichen – und das wäre auch für die Weltwirtschaft eine hilfreiche Entwicklung. Seit Jahren werden die Deutschen schließlich von ihren internationalen Partnern aufgefordert, die Exportabhängigkeit ihres Landes zu verringern. Nun könnte das tatsächlich passieren. Auch aus diesem Grund sahen Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble und Bundesbankpräsident Jens Weidmann in Lima keine Veranlassung, ihre Konjunkturannahmen in nennenswerter Weise zu korrigieren.

Klar ist allerdings auch: Die Hoffnung auf eine schnelle Rückkehr zu den hohen Wachstumsraten der Vergangenheit dürfte wieder einmal enttäuscht werden. Die Zinsen werden niedrig bleiben. Die amerikanische Notenbank Federal Reserve wird die bereits einmal verschobene Zinserhöhung womöglich noch einmal vertagen – und die Europäische Zentralbank könnte ihr Anleiheprogramm noch einmal ausweiten. Und allmählich stellt sich die Frage, ob das nicht der neue Dauerzustand ist.