Bevor Sie fragen: Ja, es gibt sie noch. Zwischen 500.000 und 800.000 in Deutschland. Und ja, da kauft auch noch jemand was. Man müsse nur mal Kinder fragen, sagt Thomas Witt. Die wüssten schon ganz genau, wo die Dinger stehen. Witt redet von Kaugummiautomaten.

An Schulwegen, bei Kindergärten und neben dem Hort, da gibt es sie noch. Die Automatenaufsteller kommen den Kindern gern ein bisschen entgegen, selbst wenn diese auch so ganz genau wissen, wo der nächste Kaugummiautomat steht. Die Aufsteller kennen ihre Zielgruppe, seit 60 Jahren schon. So lange ist es wohl her, dass der Automat über die USA und Belgien nach Westdeutschland kam. Mutmaßt man jedenfalls, genau weiß das keiner.   

Der erste eigene Einkauf

Witt ist Geschäftsführer des Bundesverbandes der Warenautomatenaufsteller, knapp 100 Mitglieder hat der Verein. 1961 von Kondomautomatenbetreibern gegründet, die in Gaststätten Kondome verkaufen wollten und Rechtshilfe brauchten. Das verstieß damals noch gegen das Jugendschutzgesetz, deshalb schlossen sie sich zusammen. Kondom- und Kaugummiautomaten funktionieren beide mechanisch und so kam eins zum anderen.

Es wird viel gemutmaßt im Kaugummimarkt. Wie viele Aufsteller sich die Automaten in Deutschland teilen? Knapp tausend, schätzt Witt. Grobe Schätzung. Es amüsiert ihn, dass Journalisten sich so hartnäckig für dieses Nischengeschäft interessieren. Der Nostalgiefaktor treibt wohl zum Thema: Die Erinnerung an den ersten eigenen Einkauf, ohne Mama fragend anzublicken. Und die neugierige Erwachsenenfrage: Wie läuft das Geschäft?

Übersteigt die eigene Körpergröße die Hänghöhe der Automaten, meint man: schlecht. Billige, pappig-süße Kaugummikugeln, wer will das schon? Und die mechanisch-klackernde Faszination der guten alten Zeit, ist die nicht längst abgelöst von magischen Displays, die auf Fingerzeig reagieren? Die Antworten findet man nicht im Internet. Dort finden sich Rückblicke der Konkurrenz auf längst verschwendete Taschengelder und Webseiten von anderen Automatenaufstellern, deren Zielgruppe richtiges Geld in der Tasche hat: betrunkene Barbesucher mit einer Neigung zur Spielsucht. Der Kaugummiautomat aber liebt das Analoge. 

Spurensuche im abgeschrabbelten Berlin

Und er lebt auf Instagram weiter, wo junge Erwachsenen heute in Hashtags die Nostalgie verstauen. In filtergetränkten Fotos von Altbauküchen hängt er nun neben dem Thermomix als aufpolierte Kindheitserinnerung – wahrscheinlich befüllt mit Bio-Pistazien (ungesalzen). #Vintage, #80er. Dabei passt er dort eigentlich nicht hin. Er meidet das Blanksanierte. In Berlin, am Potsdamer Platz, wo der Verkehr pulsiert und es wirklich alles gibt, was der Konsument verlangt, findet sich keiner.

Der Automat ist scheu, hängt lässig in engen Gassen. Um ihn zu finden, muss man ins abgeschrabbelte Berlin. U-Bahn, zurückbleiben bitte, drei Stationen, Kreuzberg. Tatsächlich: Nach fünf Minuten Suche hängt einer an schlammgrün-abblätterndem Putz. Das Rot verblasst, What’s Rap?, fragt einer der vielen Sticker, hinter denen die malträtierte Stahlhaut verschimmelt. Ein Zweischachter, wie Profis sagen. Einwurf 20 Cent für "Strawberry Shake", Knopf bitte nach rechts durchdrehen, mit natürlichen Farbstoffen. Ein Euro für das Rainbow Bracelet. Auf der anderen Straßenseite gibt es im Dreischachter Jawbreaker, Funky Jumping Beans und Happy Stickies "Nicht zum Essen!" 

Flummis, Stinkbomben, supersaurer Süßkram

Am besten liefen Kaugummis, sagt ein Aufsteller, der anonym bleiben möchte. Er habe einige Hundert Automaten, das Wandgeschäft sei nur ein Standbein von mehreren. Entscheidend sei nicht die Gewinnspanne, sondern die Drehzahl. Also wie viele Kinder zum Einwerfen verführt werden können. "Wenn Sie ein Produkt mit 300 Prozent Gewinn haben, das sich nur ein paar Mal verkauft, nützt das nichts." Der Drehzahlkönig sei bis heute der Kaugummi. Als vor einigen Monaten die Schlümpfe mit einem neuen Film kamen, spuckten die Automaten natürlich Schlümpfe aus. Aber sonst habe der Geschmack sich nicht verändert: Flummis, Stinkbomben, supersaurer Süßkram. Was man als Kind eben so mochte.

Über Profite möchte er nicht sprechen und da werde man auch keinen finden. Paul Brühl, Geschäftsführer vom Vafa, dem Verband der Automaten Fachaufsteller, sagt dann doch was: zwischen 10 und 200 Euro Umsatz pro Jahr lasse sich aus den Automaten holen, mit ein paar Hundert Automaten kommt man da nicht über die Runden.

Um davon leben zu können, brauche man schon 2.000 Automaten. Er kenne einen, der habe 20.000; der macht das – wie die meisten – mit der eigenen Frau und zwei anderen. "Mancher lebt quasi im Auto, aber kann trotzdem nicht einmal im Jahr in den Urlaub fahren."

Schmeckt das heute noch? Zuerst Geld wechseln in der Bäckerei schräg gegenüber. Die ist gut gefüllt mit Schülerinnen, die sich mit Brötchen und Süßem eindecken. Der Automat schaut sprachlos von draußen herein. Wie oft kauft denn jemand? "Der Automat ist mir egal, ich achte da nie drauf." Na gut. Zurück; Münze rein. Im Bauch des Automaten rumort es verheißungsvoll, der Griff vollzieht eine 360°-Drehung ins pappig-süße Glück. Die graue Aluminiumklappe klimpert vorfreudig.