Marko Faber* hatte jahrelang Angst vor Ärzten. Als ihm nach einem Kieferbruch drei Zähne ausfielen, ließ er sich nicht behandeln. Statt Implantaten versuchte er, weniger zu lächeln, um die schwarzen Lücken in seinem Gebiss zu verbergen. Es war nicht die Angst vor Schmerzen, die Marko Faber von den Ärzten fern hielt. Es war die Angst vor den Kosten. Faber war nicht krankenversichert.

Es sind solche Patienten, die in die Praxis ohne Grenzen von Christoph Zenses in Solingen kommen. An ihn wenden sich die Menschen, die sich eine andere Behandlung nicht leisten können, die ihre Krankheit so lange verschleppen, bis die Schmerzen unerträglich werden. Sie fallen durch das Raster des Gesundheitssystems, weil sie nicht haben, was sie eigentlich haben müssen: eine Krankenversicherung.

Im Sommer 2014 eröffnete der Internist seine Praxis ohne Grenzen in der nordrhein-westfälischen Stadt, zuvor war er sieben Jahre lang wöchentlich mit einem Medimobil unterwegs, um Obdachlose zu versorgen. Irgendwann dämmerte ihm, dass es nicht nur die Wohnungslosen sind, denen das Geld für den Arzt fehlt. Heute sagt Zenses: "In meinem Wartezimmer sitzen überwiegend 450-Euro-Jobber und Selbstständige."

So selbstlos Zenses' ehrenamtliche Arbeit auch ist – eigentlich sollte sie überflüssig sein. Seit 2007 muss jeder Mensch in Deutschland gesetzlich eine Krankenversicherung abgeschlossen haben. Finanzieller Schutz im Krankheitsfall ist nicht nur Recht, sondern Pflicht. Doch auch heute noch, acht Jahre später, sieht die Realität anders aus: Experten schätzen, dass bis zu 800.000 Menschen in Deutschland ohne Krankenversicherung leben. Wie kann das sein?

Die Probleme von Marko Faber begannen, wie die vieler Betroffener, mit der Selbstständigkeit. Ende 2008 übernahm der damals 25-Jährige eine Gaststätte im Solinger Umland. Ein finanzieller Kraftakt: Die Einrichtung musste erneuert werden, für die Pacht wurden 200.000 Euro fällig. Schnell waren seine Rücklagen aufgebraucht.

Anfang 2009 wechselte Faber von der gesetzlichen in die private Krankenkasse. Doch weil die Gäste in seiner Gaststätte ausblieben, war Faber da schon finanziell am Limit. Das Geld reichte nicht, um alle Rechnungen bezahlen zu können. Faber musste eine Entscheidung treffen – und entschied sich dafür, weiterhin Strom und Löhne zu bezahlen. Seine Krankenkassenbeiträge setzte er aus.

Anfangs glaubte Faber, seine Schulden nach einigen Monaten abzahlen zu können, sobald die Gaststätte nur genug abwerfe. Doch der Plan ging nicht auf. Im November 2010 musste Faber die Kneipe schließen, er stand mit Schulden und ohne Krankenversicherung da.

Denn wer mit seinen Beiträgen erst mal mehr als zwei Monate im Hintertreffen ist, gerät rasch in eine Art Teufelskreis: Erst müssen die aufgelaufenen Rückstände – plus Strafzinsen – bezahlt werden, ehe die Versicherung wieder für Arztbesuche und Medikamente aufkommt. Auf dem Papier bleiben die Betroffenen zwar stets Mitglied ihrer Krankenkasse. Bei Nicht-Zahlern verfällt jedoch der Versicherungsschutz – egal, ob der Säumige privat oder gesetzlich versichert ist.