In Emsdetten hängen überall Plakate: "Bitte fahren Sie vorsichtig. Schulanfänger unterwegs und kein Krankenhaus." Emsdetten ist eine mittelgroße Stadt im Münsterland, 35.000 Einwohner. Seit dem 26. Juni 2015 gibt es hier kein Krankenhaus mehr. Nachdem der christliche Betreiber des Krankenhauses (Ckt) Insolvenz angemeldet hatte, standen insgesamt drei Krankenhäuser in der Region vor dem Aus. Für zwei Kliniken gibt es Interesse neuer Investoren – doch nicht für das in Emsdetten.

Klinikschließungen sind im Zuge der Krankenhausreform gewollt. Schon im Juli kündigte der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann, an, dass kleine Kliniken mit Schließungen rechnen müssten. Ziel der Krankenhausreform ist es, die medizinische Qualität zu verbessern und jedermann zugänglich zu machen. Doch so wie in Emsdetten läuft es in vielen deutschen Städten. Allein zwischen 1991 und 2015 wurden über 330 Kliniken in Deutschland geschlossen. In den verbleibenden 1995 Kliniken werden mehr als 19 Millionen Patienten pro Jahr versorgt.

"Wir haben in Deutschland vor allem in Ballungszentren derzeit viel mehr Krankenhäuser, als für die Versorgung notwendig sind", sagt Ann Marini, Sprecherin des Spitzenverbandes der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV).

Trotz Schließungen gut versorgt

Auch wenn Krankenhäuser geschlossen werden, steht Deutschland im internationalen Ranking ziemlich gut da. Nordrhein-Westfalen hat ungefähr dreimal so viele Krankenhäuser wie die Niederlande. In Niedersachsen stehen viermal mehr Kliniken als in ganz Dänemark. Ist es da nicht sinnvoll, einige von ihnen zu schließen, um die Patienten besser behandeln zu können, indem die Fachbereiche der Krankenhäuser gestärkt werden? Ja, sagt Marini. Wenn kleinere Kliniken schlössen, sich andere aber spezialisierten, dann bedeute das für die Patienten insgesamt eine bessere Versorgung. Auch wenn der Weg zum nächsten Krankenhaus dann weiter sei.

Deutschland habe im europäischen Vergleich die höchste Bettendichte und auch bei der Verweildauer der Patienten im Krankenhaus liege Deutschland weit vorne, betont Marini. Mehr als 40 Prozent der Kliniken schrieben rote Zahlen, vor allem ländlichere wie das in Emsdetten. Die Bettenauslastung liege oft unter den angestrebten 85 Prozent, sagt sie, deshalb sei eine stärkere Konzentration sinnvoll.

Das Institut für das Entgeltsystem im Krankenhaus hat errechnet, dass jährlich sechs Milliarden Euro investiert werden müssten, damit die Gesundheitsversorgung in Deutschland auf dem aktuellen Niveau gehalten werden kann. Derzeit bringen die Länder aber nur 2,7 Milliarden Euro pro Jahr auf. "Unter diesen Rahmenbedingungen wird es wohl zwangsläufig zu weiteren Klinikschließungen kommen", sagt der Präsident der Bundesärztekammer Frank Ulrich Montgomery.

Grundversorgung sicherstellen

Nicht mehr sinnvoll sind Schließungen allerdings, wenn die Versorgung der Patienten gefährdet ist, so wie es die Emsdettener sehen. "Eine akut-vollstationäre Notfallversorgung muss weiterhin wohnortnah vorgehalten und sichergestellt werden", sagt auch Marini.

Wer ist zuständig?

Aber wer stellt die Notfallversorgung sicher? Nachdem der Christliche Krankenhausträger, der das Krankenhaus in Emsdetten betrieb, Insolvenz angemeldet hatte, forderten die Menschen, die Kirche müsse die Verantwortung tragen. Die katholische Kirche sei nicht in die Sache involviert, sagt der Sprecher des Bistums Münster, Stephan Kroneburg, man sitze nicht im Gläubigerausschuss. Auch kirchlich getragene Krankenhäuser müssten innerhalb der finanziellen Rahmenbedingungen wirtschaften. Für diese Rahmenbedingungen sei aber nicht die Kirche verantwortlich, sondern die Politik und die Krankenkassen.

Weil die Klinik geschlossen ist, muss nun die Landesregierung dafür sorgen, dass die Notfallversorgung sichergestellt ist – so will es das Gesetz. Der Krankenhausbedarfsplan in Nordrhein-Westfalen sieht vor, dass die nächste Notfallklinik innerhalb von 20 Kilometern erreichbar sein muss, in Emsdetten ist das der Fall. Für die Landesregierung gibt es also keinen Grund zu handeln.

Lange Wartezeiten

Die Menschen in Emsdetten beklagen jedoch, die Notfallversorgung funktioniere nicht: "Teilweise gibt es Wartezeiten von 50 Minuten, bis ein Rettungswagen eintrifft", sagt Michaela Tenbrink von der Bürgerinitiative Krankenhaus Emsdetten. "Es wäre doch viel sinnvoller, das in Fahrzeit festzulegen", schlägt sie vor. Als sich vor einigen Wochen ein Mädchen das Bein brach, sei der Krankenwagen erst nach mehr als einer Stunde gekommen. Die Sanitäter hätten das damit begründet, sie kennten die Gegend nicht.

Montgomery kann nicht verstehen, dass den Menschen solche Situationen zugemutet werden. "Wer würde von einer Feuerwehrwache oder Polizeistation in der Region eine komplette Refinanzierung aus eigenen Gewinnen erwarten?", fragt er.

Geht es bei der Krankenhausreform also im Wesentlichen darum, dass die Gesundheitsversorgung möglichst profitabel ist, oder steht die Qualität der Versorgung wirklich im Vordergrund? 

Der Zwang zur Wirtschaftlichkeit

"Niemand hat etwas dagegen, wenn ein Krankenhausträger sein Haus so wirtschaftlich führt, dass am Ende des Geschäftsjahres ein Überschuss erreicht wird", sagt Montgomery. Problematisch sei es allerdings, wenn Klinikträger für kurzfristige Bilanzverbesserungen Personal entlassen müssten oder Stellen trotz dringenden Bedarfs nicht mehr nachbesetzten. Den Kliniken fehle es außerdem an der Möglichkeit, zu investieren, beklagt er. "Es kann nicht sein, dass den Kliniken jede Möglichkeit für eine nachhaltige Planung genommen wird." Durch die Krankenhausreform erhöhe sich der finanzielle Druck. "Man kann nicht allein die schwarze Null eines Klinikbudgets zum Entscheidungsparameter für die Existenz oder Schließung machen", sagt er. Das Wohl der Patienten gehe in jedem Fall vor.

Der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft Thomas Reumann spricht sich nicht generell gegen Klinikschließungen aus. Wichtig sei jedoch zweierlei: die Grundversorgung wohnortnah zu sichern und gleichzeitig die Spezialisierung von Krankenhäusern zu ermöglichen, die Hochleistungsmedizin anbieten. Montgomery sagt, besonders in ländlichen Regionen sei das Fallpauschalensystem ein Hindernis, die Notfallversorgung sicherzustellen. Denn die Kliniken dort könnten nicht ausreichend hoch vergütete Krankheiten behandeln, um am Ende rentabel zu bleiben.

Die Emsdettener sorgen sich angesichts des bevorstehenden Winters nun besonders um ihre Notfallversorgung. Das Land sei in der Pflicht, die Emsdettener zu schützen, sagt Bürgermeister Georg Moenikes. Die Bürgerinitiative plant Demonstrationen, um das Krankenhauses doch noch zu erhalten. "Es wird jede Möglichkeit genutzt, die Gefährdung der stationären Gesundheitsversorgung mit Fakten zu belegen", sagt der Bürgermeister Moenikes.

Doch das Krankenhaus wird kaum wieder öffnen. Derzeit läuft ein Planverfahren, das geschlossene Krankenhaus aus dem Bettenplan des Landes NRW herauszunehmen. Das wäre das endgültige Ende der Klinik.

Offenlegung: Die Recherche wurde durch das Wissenswerte-Recherchestipendium für Medizinjournalisten unterstützt.