Eine Ölraffinerie von BP im schottischen Grangemouth (Archivbild) © Christopher Furlong/Getty Images

Der Countdown läuft: In wenigen Wochen beginnt der Gipfel in Paris, auf dem sich die Staaten der Welt endlich auf einen neuen Klimavertrag einigen wollen – geschlagene sechs Jahre nach der grandios gescheiterten Klimakonferenz in Kopenhagen. In Bonn feilschen die Unterhändler derzeit unter Hochdruck um einen Vertragsentwurf. Bis Freitag haben sie noch Zeit, doch es gibt viele Konflikte. Soll das Wort "Dekarbonisierung" ins Papier, was gleichbedeutend wäre mit dem Ziel, alle schmutzigen Energien nach und nach abzuschalten? Sollen Umwelt- und Menschenrechtsgruppen an den Verhandlungen teilnehmen dürfen? Und: Geht nicht alles viel zu langsam?

Rund 150 Staaten haben bislang ihre Klimaziele genannt. Im Verhandlungsjargon werden sie INDCs genannten, Intended Nationally Determined Contributions. Sie fassen zusammen, was ein Land künftig für den Klimaschutz tun will. Noch reichen die INDCs aller Wahrscheinlichkeit nach nicht aus, um die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, wie es in den bisherigen Klimaverträgen vorgesehen ist.

Aber die Richtung stimmt: Nehmen die großen Industrie- und Schwellenländer ihre Versprechen ernst, werden sie ihre Energieversorgung in Zukunft noch viel stärker auf Erneuerbare und Energieeffizienz umstellen. Zu dem Ergebnis kommt ein Gruppe aus internationalen Wissenschaftlern, unter ihnen Forscher des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK). Sie haben untersucht, wie die EU, die USA, China, Indien, Brasilien und Japan ihre Energiepolitik ändern müssen, um ihre INDCs zu schaffen. Diese Länder erzeugen 60 Prozent der globalen Emissionen und drei Viertel der Wirtschaftsleistung wird durch sie erbracht.

Es ist keine kleine Anstrengung, die ihnen bevorsteht. Vor allem in der Stromversorgung: Bis zum Jahr 2030 müssen alle fünf Länder plus Europa – immer vorausgesetzt, sie halten ihre INDCs ein – den Ausstoß von Kohlendioxid in diesem Bereich um 40 Prozent reduzieren. Also wird viel in Erneuerbare investiert. Mehr als drei Viertel der Investitionen im Stromsektor werden den Klimaforschern zufolge künftig sauberen Energien zugute kommen. 

Ohne CCS wird es nicht gehen

Die Wissenschaftler sehen ähnliche Trends im Verkehrssektor, in der Industrie und im Bau. "Vor allem die Energieintensität des Verkehrs würde … um 30 Prozent fallen", schreiben sie in ihrer Studie. Allerdings: Um das Zwei-Grad-Ziel tatsächlich zu schaffen, müsse gerade der Verkehrssektor sich noch schneller wandeln als bisher, hin zum massiven Einsatz von Elektrofahrzeugen. Und weil viel Infrastruktur immer noch auf die fossilen Brennstoffe ausgerichtet sei, werde es ohne CCS in Zukunft nicht gehen.

"Die INDCs beschleunigen und festigen die Klimaschutzbemühungen der großen Volkswirtschaften", lautet die Quintessenz der Forscher.

Für die großen Ölkonzerne heißt das: Sie müssten ihre Geschäftsstrategien dem politischen Wandel anpassen. Doch die Unternehmen scheinen das zu ignorieren. BP, ExxonMobile, Statoil und Shell planen, als gäbe es die nationalen Klimaschutzversprechen gar nicht. Das zeigt eine Studie des britischen Thinktanks Carbon Tracker. In der Welt der Energiekonzerne wäre die Summe der globalen CO2-Emissionen vom Jahr 2013 bis 2030 rund 100 Gigatonnen höher als in der INDC-Welt. Statt bei 575 lägen sie dann bei 675 Gigatonnen.

Probleme für BP, Exxon, Shell

Der Carbon-Tracker-Report fordert die Weltsicht der Energiekonzerne ganz grundsätzlich heraus. Die Unternehmen planten mit Annahmen, die möglicherweise gar nicht realistisch seien, heißt es darin. Stattdessen verließen sie sich auf eine Business-as-usual-Strategie. Was aber, wenn die Bevölkerung nicht so schnell wachse wie angenommen? Wenn die Wirtschaft nicht so weiter wachse wie bisher? Wenn Produktion und Konsum mit weniger Energie auskämen, die darüber hinaus sauberer erzeugt werde? Wenn Gegenden, die bisher nicht von der zentralen Energieversorgung erreicht werden, auch in Zukunft keine Kohle bräuchten, sondern lieber Sonnenenergie? Wenn die Nachfrage nach Öl, Kohle und Gas nicht weiter zunehmen werde?

Dann hätten die Ölkonzerne und ihre Aktionäre ein ernstes Problem.

Ihre Geschäftsstrategie ist wie eine Wette darauf, dass die Politik es doch nicht so ernst meint mit dem Klimaschutz. Doch Studien wie die der Klimawissenschaftler oder von Carbon Tracker werden die Verantwortlichen auch in Zukunft ans hoch gesteckte Zwei-Grad-Ziel erinnern.

Ob daraus dann der komplette Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas erwächst? Für das Wissenschaftskonsortium, zu dem auch die Potsdamer Klimaforscher gehören, ist die Antwort klar: "Das Pariser Abkommen sollte die Entwicklung von nationalen Wegen zu tiefgreifender Dekarbonisierung bis 2018 fördern." Auch wenn der Pariser Gipfel zu Ende sei, müsse man weiter über eine noch strengere Klimapolitik verhandeln. Spätestens wenn sie käme, müsste auch den Energiekonzernen klar werden, dass sich ihre Welt verändert.