Die Forbes-Liste der reichsten Menschen der Welt mutet in manchen Momenten fast komisch an. Der Brasilianer José Luís Cutrale hat es in diesem Jahr mit einem Vermögen von geschätzten 2,5 Milliarden US-Dollar auf Platz 737 geschafft. Er ist inzwischen einer der reichsten Männer Brasiliens. Lapidar schreibt Forbes: "Quelle des Reichtums: Orangensaft".

Cutrales Unternehmen ist eine von drei Firmen, die nicht nur in Brasilien, sondern global das Geschäft mit Orangensaft dominieren. 80 Prozent des weltweit gehandelten Orangensafts stammt aus Brasilien. Und Deutschland wiederum ist der zweitgrößte Nachfragemarkt weltweit – keine Party, kaum ein Frühstück ohne O-Saft. Welche Verantwortung gerade deutsche Supermarktketten darum auch in Brasilien haben, zeigt jetzt die Studie Ausgepresst: Hinter den Kulissen der Orangensaftindustrie, die ZEIT ONLINE vorliegt.

Die Autoren der Studie, die Christliche Initiative Romero (CIR) und Global2000, werfen den Safterzeugern vor, ihre Gewinne nur erwirtschaften zu können, indem sie prekäre Arbeitsbedingungen hinnehmen und exzessiv die Umwelt schädigen. Die Liste der Vorwürfe ist lang. Für knapp zehn Euro Tageslohn müssten die Arbeiter ungefähr 1,5 Tonnen Orangen täglich ernten, sagt Sandra Dusch Silva von der CIR. Sie müssten 30 Kilogramm schwere Sammelsäcke auf Leitern balancieren. "Der Druck auf die Plantagenarbeiter ist enorm", sagt Dusch. Gewerkschaftsarbeit werde gezielt unterdrückt, oft gebe es nur Saisonverträge.

Die CIR verweist auf Berichte, nach denen etwa der Cutrale-Konzern Orangenfarmer erpresse: Entweder sie verkauften ihr Land an das Unternehmen, oder Cutrale würde keine Orangen mehr abnehmen. Dazu komme eine starke gesundheitliche Belastung, so die CIR. Brasilien ist inzwischen der weltgrößte Pestizidverbraucher, die riesigen Orangen und Sojaplantagen machen dies nötig. Noch während die Pflücker auf den Plantagen arbeiteten, würden Chemikalien versprüht.

66 Cent für einen Liter Saft

Im Fokus der Studie stehen vor allem die drei brasilianischen Orangensaft-Konzerne Cutrale, Citrosuco und Louis Dreyfus Commodities. Ihnen wirft die CIR vor, mithilfe ihrer Marktmacht den Einkaufspreis für Orangen sogar unter die Produktionskosten zu drücken. Die drei Unternehmen haben die Orangensaft-Herstellung perfektioniert und kontrollieren fast komplett die Verarbeitungskette. Rund um São Paulo haben sie ihre Plantagen angelegt, auf engem Raum wachsen hier also 200 Millionen Orangenbäume. Den großen drei gehören nicht nur die Plantagen, auf denen in Monokultur Orangen angebaut werden. Sie betreiben auch eigene Schiffsflotten, mit denen sie den Saft vom brasilianischen Santos nach Europa und in die USA transportieren. In den Häfen Rotterdam, Antwerpen und Gent betreiben sie eigenen Terminals, um den Orangensaft zu lagern. Von dort wird er per Lkw zu den Abfüllern gebracht, die wiederum ihre Waren an die Supermarktketten weiterverkaufen.

Hier kommt Deutschland ins Spiel, der weltweit zweitgrößte Markt für Orangensaft. Nach Angaben des Verbands der Deutschen Fruchtsaft-Industrie trinkt jeder Deutsche im Schnitt 7,8 Liter O-Saft pro Jahr. Das Geschäft ist in der Hand der großen Ketten. Nach Angaben der CIR kommen Edeka, Rewe, Lidl/Kaufland und Aldi zusammen auf einen Marktanteil von 85 Prozent. Orangensaft ist eine feste Größe in ihrem Sortiment – und gerne auch ein Aktionsartikel. Lidl etwa bietet aktuell seine 1,5-Liter-Packung Vitafit für gerade einmal 99 Cent an.

Vitafit ist eine der berühmten Eigenmarken: Anstatt Produkte von anderen Unternehmen zu führen, lässt Lidl andere Unternehmen Orangensaft unter einer eigenen Hausmarke abfüllen. Laut der Studie werden in Europa mittlerweile 66 Prozent des Orangensafts als Eigenmarken für Discounter und Supermärkte hergestellt. Die Discounter "diktieren damit indirekt die Arbeitsbedingungen von Millionen Beschäftigten", sagt Dusch. "Lidl und Aldi müssen dafür sorgen, dass Sozial- und Umweltstandards entlang der gesamten Lieferkette eingehalten werden, gerade bei ihren Eigenmarken."

Bereits vor drei Jahren hat die CIR zusammen mit der Gewerkschaft ver.di in einer Studie die Situation der Orangenpflücker scharf kritisiert. In diesem Sommer waren Vertreter für die aktuelle Studie erneut in Brasilien und haben mit Gewerkschaftsvertretern und Pflückern gesprochen. "In den zwei Jahren ist – außer Lippenbekenntnissen – wenig passiert", findet Dusch.