Reisernte in Lalitpur, Indien (Archiv) © Navesh Chitrakar/Reuters

Reis ist eines der wichtigsten Getreide weltweit: Er ist Hauptnahrungsmittel für mehr als die Hälfte der der Menschheit. Etwa 140 Millionen Kleinbauern bestreiten mit ihm ihren Lebensunterhalt – vor allem in Asien, wo rund 90 Prozent der globalen Reisproduktion angebaut und verbraucht wird. Ohne Reis könnten viele Menschen dort nicht leben.

Doch sein Anbau belastet die Umwelt. Zum Beispiel verbraucht er mehr als 30 Prozent des weltweiten Trinkwassers. Weil die Reisbauern in den Terrassen häufig große Mengen an Pestiziden und Düngemittel ausbringen, werden in den wichtigen Anbauländern Thailand oder Vietnam immer wieder Gewässer verseucht. Die Chemie gelangt auch in die Böden und schadet der Gesundheit von Arbeitern und Anwohnern. Weil die Ackerböden kaum geschützt werden, etwa durch Fruchtwechsel, laugt die Kultivierung von Reis die Erde aus.

Den Reisanbau zu verbessern, das hieß in der Vergangenheit immer die Erträge zu steigern. Etwa in der Grünen Revolution seit den 1960er Jahren, in der mit Hochleistungssorten, Mechanisierung und Chemieeinsatz hohe Ernten erzielt wurden. Ökologie und soziale Fortschritte spielten bislang kaum eine Rolle. Das soll sich jetzt ändern: Die Sustainable Rice Platform (SRP), ein Zusammenschluss von Unternehmen, Forschungsinstituten und überstaatlichen Organisationen wie dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen, will einen Nachhaltigkeitsstandard für Reis setzen. Vor wenigen Tagen stellte sie ihn in Manila vor.

Weniger Pestizide, faire Preise

Noch ist der Standard in der Testphase, doch die Leitlinien stehen fest. In Zukunft soll der nachhaltig angebaute Reis helfen, die Lebensumstände der Bauern zu verbessern, die Gesundheit der Arbeiter zu schützen und zur wirtschaftlichen Entwicklung ihrer Dörfer beitragen. Die Umwelt soll weniger verschmutzt werden und das Klima besser geschützt. Zugleich sollen die Erträge zuverlässig steigen und die Qualität der Ernte gewahrt bleiben. 46 einzelne Indikatoren legen fest, wie das gehen soll – ob sie wirklich funktionieren, wird nun auf Feldern unter anderem in Pakistan und Indien geprüft.

Mit Bioanbau hat das wenig zu tun: Pestizide und Düngemittel sind auch unter dem Nachhaltigkeitsstandard der SRP weiter erlaubt. Sie sollen lediglich sparsamer und nur noch möglichst gezielt eingesetzt werden. Immerhin: Gemessen an den bisherigen Zuständen ist das  ein Fortschritt, sagen Vertreter von Umwelt- und Entwicklungsorganisationen.

Dazu passt, dass der ökonomische Aspekt der Nachhaltigkeit den Initiatoren der SRP mindestens ebenso wichtig ist wie Umweltschutz und Soziales: Sie rechnen damit, dass der Bedarf an Reis in Zukunft noch höher sein wird als heute, und sie wollen dann in der Lage sein, genügend zu produzieren.

"Wir hoffen, dass die Sustainable Rice Platform uns qualitativ bessere und mengenmäßig zuverlässigere Erträge bringt", sagt Fiona Dawson, die Chefin des Mars Food. Außer für den gleichnamigen Schokoriegel ist ihr Unternehmen bekannt für die Reismarke Uncle Ben's. "Reis ist das wichtigste Produkt in unserem Lebensmittelgeschäft", sagt Dawson. "Und wir strengen uns an, ihn so nachhaltig wie möglich zu produzieren."

Das funktioniere nur, wenn auch die Kleinbauern gut vom Reis leben könnten. "Wir wollen sicher gehen, dass sie fair entlohnt werden", sagt Dawson. "Damit der Reisanbau für sie auch in Zukunft ein ökonomisch gangbarer Weg ist." Bis zum Jahr 2020 will Mars nur noch Reis kaufen und weiterverarbeiten, der die SRP-Kriterien komplett erfüllt.

Initiative der Konzerne

Bislang allerdings haben die Kleinbauern keine starke Stimme in der SRP. In der Liste der Mitglieder finden sich vor allem Agrarkonzerne wie BASF, Bayer oder Syngenta, Nahrungsmittelproduzenten wie Mars, internationale Düngemittelhersteller, staatliche und multilaterale Entwicklungsorganisationen wie die deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) und der Finanzarm der Weltbank IFC, das Internationale Reisforschungsinstitut IRRI und wenige Umweltorganisationen. Die Mitglieder aus dem Privatsektor finanzieren die Initiative über ihre Gebühren, die anderen geben ihre Arbeitskraft und weitere nicht-finanzielle Unterstützung.

Roman Herre, Agrarexperte bei der Menschenrechtsorganisation FIAN, bewertet die Reisplattform deshalb als "eine weitere Initiative, bei der sich die Konzerne selbst kontrollieren und versuchen, sich an selbst formulierten Standards auszurichten". Seine Organisation steht dem kritisch gegenüber: Viel besser und demokratischer wäre es, wenn der Staat die Regeln festlegte, nach denen Landwirtschaft betrieben werden dürfte, sagt Herre.

Dawson von Mars wäre froh, wenn sich mehr Umwelt- und Kleinbauernverbände an der Reisplattform beteiligten. "Wir sind ein großes Unternehmen und könnten leicht eigene Nachhaltigkeitsstandards setzen", sagt sie, aber darum gehe es nicht: "Wir wollen die SRP so robust wie möglich machen, und wir würden es wirklich begrüßen, wenn noch mehr Akteure dabei wären. Das würde uns nur stärker machen." 

Aus Herres Perspektive sind die Versprechen der SRP im Moment noch viel zu schwach. Nicht nur, weil sie den Einsatz von Chemie erlauben: "Die Öffentlichkeit kann nicht kontrollieren, ob die Regeln eingehalten werden, es gibt keine Sanktionen, lediglich unverbindliche Absichtserklärungen, es künftig besser zu machen", sagt er. "Das einen Standard zu nennen, ist eigentlich irreführend."

Ob sich das noch ändert, hängt auch von der Testphase ab, die jetzt begonnen hat. Und davon, wie viel Einfluss Kleinbauern, Umwelt- und Entwicklungsverbände tatsächlich nehmen können.