Diese Preisverleihung begann mit einem kleinen Fauxpas: Als die Königliche Schwedische Akademie der Wissenschaften am Mittag bekannt gab, wer in diesem Jahr den Preis der Schwedischen Reichsbank für Wirtschaftswissenschaften erhielt, wusste die Welt schon längst Bescheid. Das Preiskomitee hatte den Namen des Preisträgers einige Minuten zu früh auf der Website veröffentlicht.

Aber auch ohne dieses kleine Ungeschick war die Auszeichnung des britischen Ökonomen Angus Deaton für viele keine große Überraschung: Er wurde seit Langem als Anwärter auf die höchste Auszeichnung für Wirtschaftswissenschaftler gehandelt. Schließlich erfüllt er die gängigen Klischees eines Wirtschaftsnobelpreisträgers, einer exklusiven Gruppe, die schon oft als Club alter, weißer Männer verschrien wurde. Deaton ist 69 Jahre alt, wurde im schottischen Edinburgh geboren und arbeitet an der US-Eliteuniversität Princeton, wie bereits acht Nobelpreisträger vor ihm.

Doch wer Deaton so abschreibt, tut ihm unrecht. Wenige andere Ökonomen haben so unterschiedliche Forschungsfelder so nachhaltig geprägt wie er. Ob Konsumforschung, Glücksökonomie oder Armutsbekämpfung – Deaton hat sich im Laufe seiner Karriere mit vielen wichtigen Themen beschäftigt.

Forschung für das echte Leben

Angefangen hat er als klassischer Mikroökonom und Professor für Ökonometrie an der Universität Bristol. Dort erforschte er eine der zentralen Größen in einer Marktwirtschaft, die Nachfrage. Deaton wollte verstehen, wie sich die Nachfrage von bestimmten Produkten verändert, wenn zum Beispiel eine Regierung die Mehrwertsteuer erhebt oder es zu plötzlichen Preisänderungen kommt. Für Wirtschafts- und Finanzpolitiker ist die Antwort entscheidend. Bricht der Konsum als Reaktion auf eine Steuererhöhung ein, landet am Ende nicht mehr, sondern weniger Geld in der Staatskasse.

Lange Zeit nutzten Ökonomen für die Simulationen solcher Effekte extrem theorielastige, makroökonomische Modelle, die mehr Wert auf elegante Rechenwege als auf einen Bezug zur Realität legten. Deaton hat entscheidend dazu beigetragen, dass sich das ändert. Er beobachtete im echten Leben, wie Menschen ihren Konsum ändern, wenn Preise oder Steuern steigen und verbesserte mit diesen Erkenntnissen die Makromodelle.

Armutsforschung als Leidenschaft

Seine große Leidenschaft aber ist die Armutsforschung, mit der er sich bereits seit mehr als dreißig Jahren beschäftigt. Zusammen mit dem US-Meinungsforschungsinstitut Gallup hat Deaton in den vergangenen Jahren eine verlässliche Datenbasis über die weltweite Armut zusammengetragen. Nur wenn man wisse, wie es den Armen auf der Welt wirklich gehe und was ihre größten Probleme seien, könne man ihnen helfen, sagt er. Mit Daten von Gallup untersuchte er unter anderem die Armut in Indien und Südafrika und schaute sich die Verteilung zwischen Mädchen und Jungen an. In Indien sind etwa Mädchen deutlich häufiger unterernährt als Jungen.

Deaton mischte sich auch immer wieder in die Diskussion um die Armutsschwelle ein: Demnach gilt jemand als arm, wenn er pro Tag weniger als 1,25 Dollar in lokalen Preisen zur Verfügung hat. Diese Grenze ist wichtig, schließlich wird sie als Maßstab für die Millenniumsziele der Vereinten Nationen genutzt. Vor Kurzem erhöhte die Weltbank die Armutsschwelle auf 1,90 Dollar pro Tag. Für Deaton sind beide Werte allerdings unbrauchbar, weil sie die Unterschiede zwischen Entwicklungsländern nicht stark genug berücksichtigen. Mit einer universellen Armutsschwelle mache man es sich zu einfach, argumentiert er. Und gesteht der Armutsbekämpfung zahlreiche Erfolge zu. Laut einer aktuellen Analyse der Weltbank gelten momentan knapp zehn Prozent der Weltbevölkerung als arm, der niedrigste je gemessene Stand. "Wir haben in den vergangenen 20 Jahren einen bemerkenswerten Fortschritt gemacht", sagte Deaton während der Pressekonferenz des Nobelpreiskomitees. Und schob gleich nach: "Es gibt jedoch noch sehr viel zu tun."